Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) – Paris. Zwei junge Exil-Iraner bezeugen in Paris die drakonischen Strafen des iranischen Mullah-Regimes. Ihre Verwandten sitzen im iranischen Gefängnis. (Foto: Aktivist Farzad Madahzadeh saß fünf Jahre lang in einem iranischen Gefängnis.)
„Ja, ich bin als Zeugin hier. Und auch als Anklägerin!“, sagt Parisa Kohandel. Die zierliche 18-Jährige, die erst vor wenigen Wochen aus dem Iran geflohen ist, wird kurz nach diesem Gespräch mit der NRZ den ersten öffentlichen Auftritt ihres Lebens haben. Vor Hunderten von Teilnehmern einer vom „Nationalen Widerstandsrat des Irans“ (NWRI) am Samstag in Paris im Rahmen des Internationalen Tages gegen die Todesstrafe organisierten Konferenz will sie hervorheben, dass in ihrer Heimat „jede siebte Minute ein Regimegegner hingerichtet wird“.
Parisa ist die Tochter des den Volksmudschahedin angehörenden Saleh Kohandel. Mitglieder dieser Oppositionsgruppe werden im Iran gnadenlos verfolgt. Parisas Vater wurde mehrmals verhaftet und 2006 schließlich zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil er Flugblätter verteilt hatte. Als Parisa zwölf Jahre alt war, flohen ihre Mutter und ihre Schwestern vor dem Regime in den Irak. Seither besuchte nur das Mädchen seinen Vater im Gefängnis. „Aber ich durfte nie allein mit ihm sein, immer war Glas zwischen uns, und immer waren Aufseher im Raum“, erzählt sie.
„Sieben Monate Verhör, fünf Minuten Prozess, fünf Jahre Gefängnis“
Schon wegen der Gegenwart der Wächter sprach Saleh Kohandel mit der Tochter nicht über seine Haftbedingungen. Doch in Briefen an sie beschrieb er die Hoffnungslosigkeit, die Verhöre, die Brutalität der Wächter und die Todesdrohungen. „Ich war jedes Mal froh, wenn ich einen Brief von ihm bekam, doch es war jedes Mal schlimm, ihn zu lesen“, erzählt Parisa und fügt hinzu: „Wie mir geht es vielen Kindern im Iran, deren Eltern im Gefängnis sind und Angst haben, erhängt zu werden.“
Diese Angst kennt auch Farzad Madahzadeh (29). Der Aktivist wurde im März 2009 dabei erwischt, wie er fotokopierte Porträts von Mariam Radschawi, der Führerin der Volksmudschaheddin und Vorsitzenden des NRWI, an die Bäume einer Allee in Teheran klebte. Es folgten „sieben Monate Verhör, fünf Minuten Prozess, fünf Jahre Gefängnis“, fasst er lakonisch zusammen. Wie Parisa wurde er im August „exfiltriert“, wie Parisa will er nun bezeugen, was hinter den Mauern iranischer Gefängnisse geschieht.
Sechs Monate in Einzelhaft
Farzad sollte ein Fernsehinterview geben, in dem er sich von der Volksmudschahedin lossagt. Weil er sich weigerte, landete er in dem berüchtigten Teheraner Folterknast Evin. Sechs Monate verbrachte er in Einzelhaft, wurde täglich verhört. Im Klartext: Er wurde jeden Tag brutal zusammengeschlagen. Farzad schildert auch den ersten Besuch seiner Familie kurz vor seinem sehr kurzen Prozess: „Weder meine Mutter noch mein Vater oder meine Schwester haben mich wiedererkannt, so entstellt war ich. Sie haben den Wärtern gesagt: Ihr habt uns den Falschen herausgeführt“.
Die Isolationshaft und die ständigen Drohungen, erhängt zu werden, waren laut Farzad am unerträglichsten. „In meinem Fall mögen das zwar leere Drohungen gewesen sein, doch das heißt nur, dass ich Glück gehabt habe“, sagt er. Tatsächlich sollen Angaben des NRWI zufolge seit der Wahl des im Westen als gemäßigt geltenden Präsidenten Hassan Rohani im August 2013 mindestens 1869 Regimegegner hingerichtet worden sein; Amnesty International spricht von mehr als 700 vollstreckten Todesurteilen allein im ersten Halbjahr 2015.
Wurde das Schicksal der Regimegegner ausgeklammert?
Die NWRI-Vorsitzende Radschawi warf Teheran am Samstag vor, die Zahl der Hinrichtungen in den vergangenen zwei Jahren verdreifacht zu haben und forderte die internationale Staatengemeinschaft auf, das Überleben des „zum Sturz verurteilten Mullah-Regimes nicht durch eine Appeasement-Politik zu verlängern“. Es gebe nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass Teheran den Druck der Repression vermindere. Eher sei seit dem Atom-Kompromiss das Gegenteil der Fall.
„Ich verstehe nicht, dass das Schicksal der Regimegegner offenbar ausgeklammert wurde während der Verhandlungen mit Teheran“, beschwert sich Parisa Kohandel, ohne die Stimme zu heben. Farzad Madahzadeh nickt und meint dann, dass „der Westen einfach nicht weiter die Augen verschließen darf vor den Verbrechen, die täglich im Iran geschehen“. Aus ihrer Rat- und Hilflosigkeit machen die beiden jungen Exilanten keinen Hehl. Aber beide sind fest entschlossen, in ihre Heimat zurückzukehren – wenn der Albtraum der religiösen Diktatur vorüber ist.