
Herr Anand Grover, der frühere Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen über die Rechte auf Gesundheit, amtierendes Mitglied der Globalen Kommission für die Drogenpolitik, gehörte zu den herausragenden Gästen und Rednern bei der Internationalen Konferenz des NWRI, die dem Massaker von 1988 im Iran gewidmet war. Die Veranstaltung fand am 3. Juli statt und es waren dort Dutzende von Menschenrechtsexperten und international angesehenen Anwälten und früheren Amtsträgern der VN versammelt.
Herr Grover hielt eine inspirierende Rede, bei der es vorrangig um die Geisteshaltung und starke Überzeugung derjenigen iranischen politischen Gefangenen ging, die vom Kleriker Regime ermordet worden sind. Er betonte und beleuchtete die Ideale, für die diese Menschen ihr Leben gaben und schloss damit, dass es die Pflicht der Lebenden sei, Gerechtigkeit herbeizuführen und die Mission derer zu vollenden, die für die Freiheit gefallen sind.
Hier der vollständige Text der Rede Herrn Anand Grovers in Übersetzung:
Freunde und Genossen, ich gebe nicht vor, ein Linker zu sein. Ich habe ein Problem mit dem PM, über das ich später noch sprechen werde. Wir treffen uns heute hier, um an jene etwa 30 000 iranischen Bürger zu sprechen und über meine Genossen, die 1988 vom iranischen Regime hingerichtet worden sind.
Der Tatbestand Verbrechen gegen die Menschlichkeit stellt sicher, dass der Kampf nicht vergessen wird, sondern zum Antrieb wird, zu seiner Fortsetzung und zum Sieg am Ende mit dem Ziel eines freien Iran.
Ich möchte den Organisatoren dieses sehr wichtigen Treffens der Bewegung des Nationalen Widerstandsrats Iran danken und Gerechtigkeit für meine Einladung fordern, um mich bei ihren Anstrengungen dafür anzuschließen, Gerechtigkeit für die zu bekommen, die hingerichtet worden sind.
Ich muss Ihnen sagen, dass ich heute eine Menge gelernt habe und immer noch läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich an die Art denke, wie das iranische Regime diese Menschen hingerichtet hat.
Als starker Verfechter der Frauenrechte in Indien bin ich froh, dass die Führung dieser Bewegung in den Händen einer sehr fähigen Frau liegt, Frau Maryam Rajavi. Ich bin sicher, dass in Zukunft, wie es ein anderer Redner ausgedrückt hat, es junge Frauen geben wird, die wieder die Führung dieser Bewegung übernehmen werden.
Ich muss sagen, dass ich und mein Partner in unserem Büro Frauen und Menschen aus verschiedenen Gruppen ermutigt haben, die daran denken, in unser Büro für Rechtsfragen einzutreten. Wie Sie wissen gibt es den Mythos, dass in islamischen Gruppen Frauen nicht ermutigt werden, Führungspositionen einzunehmen. Ich bin froh, dass Sie diesen Mythos zerstört haben.
Ich bin auch froh, feststellen zu können, dass die Widerstandsbewegung verschiedene Gruppen mit verschiedenen Auffassungen umfasst, die aber ein klares gemeinsames Ziel haben, die repressive Führung der Mullahs im Iran loszuwerden und einen freien Iran zu bekommen.
Wir haben in Indien eine starke Affinität zum Iran, wegen der großen Zahl von Menschen, die im Iran verfolgt wurden, der Perser, die wir Iraner nennen, die in Indien sind. Deshalb haben wir eine enge Verbindung und ich habe eine Menge Freunde in dieser Gemeinschaft und sie sprechen viel über den Iran. Deshalb sind wir und natürlich die persischen Dichter in Indien sehr hoch angesehen.
Um aber wieder zur Sache zu kommen, das Regime ließ eine lange Zeit die Verwandten der Hingerichteten nichts über ihr Schicksal oder ihren Tod oder ihren Aufenthaltsort wissen. Und das trotz Tausender von Anfragen der Iraner und der internationalen Gemeinschaft.
Für eine lange Zeit gab es kein Eingeständnis in Bezug auf das Schicksal der Hingerichteten. Später haben einige, die an der Macht sind oder waren, in verschiedenen Interviews zugegeben, dass diese Menschen hingerichtet worden sind, wegen der Fatwa oder dem Dekret, dass von der höchsten Autorität erlassen wurde, diejenigen hinzurichten, die loyal zu den Mudschahedin blieben.
Ich brauche jetzt eine kleine Pause. Wissen Sie, für mich ist dies einer der schönsten Augenblicke für Menschen, die an etwas so einfaches glauben. Euch nicht zuzustimmen und mich auf den Tod vorzubereiten, könnt Ihr Euch das vorstellen? Es ist eine erstaunliche Gabe zu einer menschlichen Anstrengung, imstande zu sein, das zu tun.
Bitte erkennen Sie den Wert der Überzeugung an ihre Sache, ihre Tapferkeit und ihren Mut zu ihrer Überzeugung. Wenn Sie etwas über die Geschichte lesen, so sind von den Jakobinern in Frankreich bis zur russischen Revolution große Menschen genau in diesem Moment umgefallen.
Aber diese 30 000 Menschen, sie blieben standhaft und ihnen wurde gesagt, seid ihr für uns oder für die Mudschahedin? Wenn ihr für die Mudschahedin seid, werdet ihr sterben. Und sie blieben ihrem Glauben und ihrer Überzeugung treu. Es kann keine höhere Pflicht geben als die.
Ich weiß nicht, ob ich das gleiche unter diesen Umständen hätte tun können. Wie gesagt, läuft es mir kalt den Rücken herunter, immer wenn ich an diese Menschen denke. Ich kann diese tapferen und mutigen Menschen im Iran nur beglückwünschen, die ihr Leben für eine Idee gegeben haben. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich gekommen bin, um das heute zu sehen.
Was aber ist diese Idee? Es ist eine Idee, einen anderen Glauben zu haben, der sich unterscheidet von dem derer, die in der Gesellschaft den Ton angeben, und dass sie es laut sagen können ohne irgendeine Repressalie.
Prof. Anand Grover, former UN Special Rapporteur on the Right to Health and Senior Advocate of the Supreme Court of India:
Iran's #1988Massacre is a "crime against humanity". The UN must urgently launch a Commission of Inquiry.@volker_turk @JavaidRehmanhttps://t.co/sC4Q5sUZMR
— Justice for the Victims of 1988 Massacre in Iran (@jvmifoundation) July 15, 2023
Es ist die Idee, dass Menschen verschiedenen Glaubens, verschiedener Denkweisen, Volkszugehörigkeit, Rasse und verschiedenen Geschlechts in den gleichen Gesellschaften als Schwestern und Brüder leben können und ihren Denkweisen und Glaubensformen in der Sprache Ausdruck geben und sie ausüben können ohne jede Repressalie oder frei von Repressalien.
Es ist diese Idee, dass man wirklich einen besonderen Gesichtspunkt einnehmen kann und einem dann nichts passiert. Es ist auch die Idee, dass man dann, wenn man sich in der Führung des Staates falsch verhalten hat, zur Rechenschaft gezogen wird. Das ist meiner Meinung nach die Zukunft der Idee eines freien Iran.
Ich muss Ihnen sagen, als ich über das, was heute gesagt wurde, nachdachte, erinnerte es mich an die, die unsere Verfassung in Indien geschaffen haben. Weil unser Land von den Engländern beherrscht wurde und wir das gleiche Problem hatten, dass es so viele Religionen gab. Natürlich ist die vorherrschende die der Hindus.
Das wirkliche Problem für die Freiheitsbewegung vor der nationalistischen Führung war, wie Indien zu gestalten war. Die Engländer dachten, dass wir niemals ein demokratisches freies Indien mit verfassungsmäßigen Freiheiten haben könnten.
Aber wir bekamen es. Und das ist das Wunder, auf das ich immer noch stolz bin. Aber was heißt das? Es ist enthalten in der Präambel der Verfassung. Was sagt sie?
Wir, das Volk in Indien haben feierlich beschlossen, Indien als Republik zu begründen. Was ist die Bedeutung von „Republik“?
Es ist dort nicht der Führer, der entscheidet. Es ist das Volk, das diesem Führer die Macht dazu gegeben hat. Das ist sehr wichtig.
Und was werden wir tun? Eine Gerechtigkeit, die sozial, wirtschaftlich und politisch ist. Deshalb haben die Opfer, jene 30 000 Menschen, einen Anspruch darauf, in so einer Gesellschaft Gerechtigkeit zu erhalten.
Die Freiheit der Gedanken, der Meinungsäußerung, der Überzeugung, des Glaubens und der Verehrung. Das ist genau das, was sie ausüben.
Die Gleichheit des Status und der Chancen, dass jeder gleich behandelt wird. Was die Fatwa des Führers betrifft, so ist er nicht der höchste. Es ist dem Volk gleich gestellt. Und am wichtigsten ist, sich für alle Brüderlichkeit unter ihnen einzusetzen, um die Würde der einzelnen Person zu gewährleisten.
Meiner Meinung nach haben jene 30 000 Menschen in Wirklichkeit dafür gekämpft. Das ist enthalten in der Präambel unserer Verfassung.
Natürlich wird das in Indien heute angegriffen. Es gibt diese Verschiebung nach rechts in der ganzen Welt. Indien ist nur eines der Opfer davon. Aber wir wehren uns.
Ich bin eines der Opfer der Regierung. Aber ich möchte in aller Bescheidenheit sagen, weil ich dieses Treffen besucht habe und ich die entschiedene Führerschaft und das Engagement von Euch gesehen habe, ich habe eine Menge gelernt.
Ich will diese Freiheit, die wir vor 75 Jahren gewonnen haben, nicht verlieren. Meiner Meinung nach enthält die Präambel das, woran jene 30 000 Menschen glaubten.
Ich bin sicher, dass die große Mehrheit des Volkes im Iran auch das Gleiche will, wie die Völker in der ganzen Welt. Ich habe eine Menge Glauben an die Menschen und das schließt die Menschen im Iran ein. Eingedenk jener Opfer von 1988 lasst uns danach streben, das langfristig zu erreichen.
Das ist meiner Meinung nach in Wirklichkeit das Programm für einen freien Iran. Das sage ich nicht nur so. Ich bin heute durch die Ausstellung gegangen und ich las, was eine der Frauen, eine der Opfer, geschrieben hat, Monireh Rajavi. Wenn Sie die Gelegenheit haben, gehen Sie dahin und sehen Sie sich das an. Sie war Studentin an der Universität von Newcastle. Und was hat sie gesagt? Es ist sehr ergreifend. Sie wollen unsere menschliche Identität zerstören. Wir müssen uns wehren. Das machen wir, indem wir uns mehr um einander kümmern.
Das ist in Wahrheit das Rezept für alle Menschlichkeit. Man muss sich wehren gegen jede Ungerechtigkeit, nicht mit weiterer Ungerechtigkeit, sondern indem man sich um die Menschen kümmert.
Deshalb müssen sie das Recht bekommen, dass die Leichname der Menschen, die hingerichtet wurden, übergeben werden.
Wir müssen das weiter von der iranischen Regierung fordern, wie es andere vor uns getan haben, genaue Auskunft zu geben über den Glauben und den Verbleib der Personen, die nicht mehr sind, genaue Todesurkunden auszustellen, aufzuhören mit den Drohungen und Drangsalierungen der Angehörigen derer, die hingerichtet wurden, und am allerwichtigsten, was Sie alle hervorgehoben haben, die Verantwortlichen zu ermitteln und vor Gericht zu stellen.
Straflosigkeit.
Das ist die schwierigste Sache, die heute im Iran zu erreichen ist, aber sie ist kurz- und langfristig die wichtigste. Das ist es, worauf die internationale Gemeinschaft ihr ganzes Gewicht legen muss, alle Bemühungen zu unterstützen, Gerechtigkeit für die Opfer zu erlangen.
Aber ich muss Ihnen sagen, nachdem ich die VN von innen gesehen habe, so bin ich bestürzt, wenn auch nicht überrascht: Die Berichte der Sonderberichterstatter der VN, des Komitees für unfreiwilliges Verschwinden, des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen und des Generalsekretärs der VN, es kam soweit, dass im Dezember 1988 die Resolution der Vollversammlung der VN verabschiedet wurde.
Aber die Situation im Iran wurde nicht an den Sicherheitsrat verwiesen. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hat die Sache der Resolution nicht weiterverfolgt und die Kommission der VN für Menschenrechte hat keine Maßnahmen ergriffen. Ich bin enttäuscht, aber nicht ohne Hoffnung. Ich habe die Hoffnung, dass es doch noch geschehen wird.
Natürlich müssen wir noch mehr Prozesse bekommen, wie denjenigen vor dem Stockholmer Bezirksgericht, das Hamid Noury verurteilt hat. Das kann von Anwälten in der ganzen Welt in die Hand genommen werden. Es muss mehr Kenneth Lewisse geben. Kenneth, kannst Du Dich klonen und andere Menschen hervorbringen, die sind wie Du? Das wäre eine tolle Vorstellung.
Dass die internationale Gemeinschaft der Menschenrechte es unterlassen hat, etwas zu tun, hat verheerende Folgen für die Überlebenden und Angehörigen ebenso wie für die Situation der Menschenrechte im Iran gehabt und das iranische Regime darin bestärkt, weiterhin das Schicksal der Opfer zu verheimlichen und eine Strategie der Ablenkung und Ableugnung aufrechtzuerhalten, was bis heute so geht.
Das muss dringend in Angriff genommen werden. Lasst uns einen Plan machen, dies in naher Zukunft zu tun und zu gewährleisten, dass eine Untersuchung über die Hinrichtungen von 1988 von den VN durchgeführt wird entsprechend der seit langem erhobenen Forderung.
Und wenn das nicht möglich ist, ein unabhängiges Gremium von rechtkundigen Mitgliedern, das müssen nicht notwendig die VN sein, wenn die VN sich einen schlanken Fuß machen, warum können wir nicht daran denken, ein Gremium aus unabhängigen rechtskundigen Leuten zu konstituieren, das darauf schaut? Das ist eine andere Art, Druck auszuüben.
Mit der Tapferkeit und dem Mut des iranischen Volkes wird das erreicht werden.
Martin Luther King sagte: „Eine Ungerechtigkeit irgendwo ist eine Bedrohung der Gerechtigkeit überall“
Ich kann Euch deshalb bei alle dem meine Unterstützung für Euren sehr, sehr berechtigten Kampf und für einen Azad Iran zusichern. Der Freie Iran oder Azad Iran wird eher kommen als Ihr denkt. Er wird noch kommen, solange Ihr lebt. So müsst Ihr denken, weil Euer Kampf berechtigt ist. Als Anwalt habe ich meinen Klienten immer gesagt, wenn Euer Kampf berechtigt ist, werdet Ihr gewinnen und verliert nie Eure Hoffnung.
Ich möchte Euch beglückwünschen für eure unendliche Stärke und Euren Mut, dieses ruchlose Regime anzugreifen. Ihr werden sie ersetzen, keine Sorge.
Vielen Dank.