
Groß-Demo in Paris nach dem Iran-Rahmenabkommen / Ein Gespräch mit Javad Dabiran, Exiliraner aus dem Orga-Komitee der Großkundgebung
Radio 3 – RBB – Berlin / 19. Juni 2026:Die Einigung zwischen den USA und dem Iran zur Beendigung des Krieges ist früher als erwartet in Kraft getreten. Bis zu einem endgültigen Friedensabkommen dürften jedoch noch Wochen vergehen: Die Details – darunter die Beendigung der Kampfhandlungen an allen Fronten, auch im Libanon, sowie die Öffnung der Straße von Hormus – sollen innerhalb von 60 Tagen ausgearbeitet werden.
Wie wird die Vereinbarung in der iranischen Diaspora bewertet? Am Samstag ist in Paris eine Großkundgebung von Exil-Iraner:innen geplant, an der auch zahlreiche Gruppen aus Deutschland teilnehmen wollen.
Darüber sprechen wir bei radio3 mit Javad Dabiran, iranischer Oppositioneller und einer der Organisatoren sowie Leiter des Berliner Büros des Iranischen Widerstandsrats (NWRI) in Deutschland.

Javad Dabiran, Stellv. Leiter des Berliner Büros des Iranischen Widerstandsrats (NWRI) in Deutschland | Bild: picture alliance / Holger Hollemann/dpa | Holger Hollemann
Interview mit Radio 3
Michel Abdollahi:
„Das schlimmstmögliche Szenario ist eingetreten. Die USA haben mit dem Iran einen Deal abgeschlossen. Ich habe gerade mit Menschen im Iran gesprochen, und es ist einfach pure Verzweiflung und pure Wut.“
Moderatorin Ulrike Jährling:
Ja, das hat gestern der deutsch-iranische Fernsehmoderator Michel Abdollahi gesagt. Die für heute geplanten Gespräche zwischen den USA und dem Iran sind nun abgesagt worden. Das hat das Schweizer Außenministerium mitgeteilt. Nach Abschluss des Rahmenabkommens soll jetzt eigentlich über Einzelheiten geredet werden. Wann es nun zu den Verhandlungen kommt, ist wieder offen. Dass das Abkommen irgendwie kommt, ist aber klar. Die Welt braucht die offene Straße von Hormus. Ja, die Welt.
Wir wollen jetzt auf die Menschen im Iran schauen und auch auf die Stimmen von Exiliranern. Am Samstag ist in Paris eine Großkundgebung geplant. Auch zahlreiche Gruppen aus Deutschland wollen teilnehmen. Darüber sprechen wir jetzt hier auf Radio 3 mit Javad Dabiran, einem der Organisatoren und Sprecher des Nationalen Widerstandsrates Iran, NWRI, in Deutschland. Guten Morgen, Herr Dabiran.
Javad Dabiran:
Ich grüße Sie. Guten Morgen, Frau Jelling.
Frau Jährling:
Ja, dieses 14-Punkte-Rahmenabkommen sieht also die Aufhebung von US-Sanktionen vor und die Freigabe eingefrorener iranischer Vermögenswerte. Im Gegenzug verpflichtet sich der Iran, auf Atomwaffen zu verzichten und die Straße von Hormus frei zu machen. Überall wird von einem Erfolg gesprochen, jedenfalls gestern. Die Gespräche stehen noch aus. Wie bewerten Sie das Abkommen?
Javad Dabiran:
Also, wir begrüßen eine Vereinbarung, die den Krieg beendet und das Leiden der Menschen im Iran verringert. Aber wir dürfen uns keiner Illusion hingeben: Das Ende des Krieges ist längst nicht das Ende der Iran-Krise. Das Regime hat Krieg und regionale Eskalation, also zum Beispiel vor zwei Jahren, immer wieder als Schutzschild gegen Volksaufstände benutzt.
Die Chance liegt darin, dass der Krieg als Vorwand für Repressionen wegfällt. Und während Bombardierungen kann man nicht erwarten, dass Menschen auf die Straße gehen. Mit dem Ende des Krieges wird der Weg für neue Aufstände meines Erachtens freier.
Das Risiko aber besteht darin, dass das Regime neue finanzielle Mittel erhält, ohne sein Verhalten zu ändern. Und dieses Regime hat bisher kein Abkommen wirklich respektiert. Solange dieses Regime an der Macht ist, wird es nicht auf Unterdrückung und Hinrichtungen, auf atomare Aufrüstung sowie auf Terrorismus und Stellvertreterkräfte in der Region verzichten.
Frau Jährling:
Beobachter sehen das iranische Regime ja sogar gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Javad Dabiran:
Nein, ich teile diese Einschätzung nicht. Das Regime ist nicht stark, sondern tief geschwächt. Das Regime fürchtet vor allem die Verbindung einer explosiv aufgeladenen Gesellschaft mit dem organisierten Widerstand.
Und die jüngste Welle politischer Hinrichtungen, davon haben Sie bestimmt gehört, zeigt keine Stärke, sondern Panik vor neuen Aufständen. Und darf ich noch etwas zu diesen Hinrichtungen sagen? Denn das hat eine bestimmte Botschaft.
Von den 32 politischen Gefangenen, die in den letzten zwei Monaten hingerichtet wurden, waren acht Mitglieder der oppositionellen Volksmojahedin. Die meisten weiteren standen ebenfalls mit ihnen in Verbindung. Das zeigt, dass es im Iran ein Widerstandsnetzwerk gibt, und das ist real. Und dieses Netzwerk kann die Unzufriedenheit der Bevölkerung in neue Aufstände lenken. Genau das fürchtet das Regime.
Und wissen Sie, die Ursachen für diese Januar-Erhebung, die haben Sie wahrscheinlich auch im Gedächtnis, keine davon ist verschwunden. Armut, Wut und Repression haben alle zugenommen.
Frau Jährling:
Sie haben jetzt diese große Kundgebung in Paris organisiert. Die Botschaft ist natürlich klar, und die haben Sie organisiert, noch bevor das Abkommen in Aussicht stand. Die Botschaft ist: Stoppt die Hinrichtungen. Ganz klar.
Wir müssen aber auch sagen: Sie sind der Sprecher des Nationalen Widerstandsrates. Der versteht sich als ein breites Bündnis der iranischen Opposition. Aber viele Exiliranerinnen und Exiliraner werfen Ihnen die Nähe zu den Volksmudschahedin vor, denen ja auch schiitisch-islamistische Tendenzen unterstellt werden. Was sagen Sie dazu? Wie steht Ihre Organisation aktuell zur MEK?
Javad Dabiran:
Es ist so, dass die Volksmojahedin ein Mitglied innerhalb des Nationalbündnisses, des Nationalen Widerstandsrates Iran, sind. Und sie haben sich auch zu diesem Programm des Nationalen Widerstandsrates Iran bekannt.
Die Volksmojahedin sind keine Islamisten. Sie sind Muslime, aber Vertreter eines toleranten Islam. Sie glauben daran. Und das ist genau ihr Trennpunkt zum iranischen Regime, das islamisch-fundamentalistische Gesetze und Praktiken hat.
Es ist so, dass die Volksmojahedin genauso wie der Nationale Widerstandsrat Iran sich zum Zehn-Punkte-Programm von Maryam Rajavi, der Präsidentin des Widerstandsrates, bekannt haben. Und das sieht eine Trennung von Religion und Staat vor. Es steht für freie Wahlen, für eine säkulare Republik — ich muss sagen: für eine Republik, also keine Alleinherrschaft, wie es sie unter dem Schah, in der Schah-Diktatur, gegeben hat, oder jetzt unter den Mullahs. Also, wir sind für eine freie, offene Gesellschaft.
Frau Jährling:
Auf der Großkundgebung in Paris kommen viele Menschen zusammen, und Sie meinen, die große gemeinsame Sache ist der Sturz des Regimes?
Javad Dabiran:
Also, es ist so, dass diese große Versammlung, die jetzt in Paris stattfindet — und deswegen befinde ich mich auch schon seit einigen Tagen hier in Paris im Organisationskomitee — die größte Versammlung von Iranern im Ausland seit Beginn des Krieges sein wird.
Erwartet werden 100.000 Teilnehmer aus Europa, den USA, Kanada und Australien. Das ist also eine zentrale Demonstration. 320 Vereine haben sie organisiert, und Tausende allein aus Deutschland werden anreisen, einfach wegen der geografischen Nähe.
Die Botschaft der Kundgebung in Paris lautet: Die Iran-Krise hat eine Lösung. Weder ausländischer Krieg noch Beschwichtigung, sondern der Sturz des Regimes. Wir wollen einen Regimewechsel durch das iranische Volk und seinen organisierten Widerstand.
Vorhin habe ich gesagt, warum dieses Netz des Widerstands, das bereits im Iran existiert, so wichtig ist. Und bitte beachten Sie: Das Ende des Krieges muss der Beginn einer neuen Phase für Freiheit und für den Kampf um Freiheit sein — und nicht eine Gelegenheit zur Rettung des Regimes.
Das ist ganz wichtig. Dieses Regime ist kein Partner für Stabilität, sondern wirklich die Wurzel der Krise.
Frau Jährling:
Ja, die Wurzel der Krise ist dieses Regime, und drum herum sind noch viele andere Punkte. Das sagt Javad Dabiran, Sprecher des Nationalen Widerstandsrates Iran in Deutschland.
Am 20. Juni wird es eine Großkundgebung der Exil-Iranerinnen und Exil-Iraner in Paris geben. Gefordert wird dann unter anderem der sofortige Stopp der Hinrichtungen. Die gehen nämlich weiter, während die Welt auf den Ölpreis schaut.
Herr Dabiran, ich danke Ihnen für das Gespräch hier auf Radio 3.
