Saturday, December 3, 2022
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44. Jahrestag der Ermordung der Gründer der Volksmojahedin (PMOI) im Iran

NWRI – Ende Mai war der 44. Jahrestag der Ermordung der Gründer der iranischen Hauptoppositionsgruppe, der Volksmojahedin Iran (PMOI) durch das Schah-Regime. Ein Rückblick auf die Gründer der PMOI bringt Licht in die ideologische Sichtweise der Bewegung.

Die PMOI – oder Mojahedin-e Khalq (MEK) – wurde am 6. September 1965 von Mohammad Hanifnejad, Said Mohsen und Ali-Asghar Badizadegan gegründet. Alle waren Ingenieure, die zuvor Mitglieder der Freiheitsbewegung von Medhi Bazargan waren, der diese im Mai 1961 gegründet hatte.

Die Freiheitsbewegung vertrat die „demokratischen Prinzipien basierend auf den fundamentalen Gesetzen der iranischen Verfassung von 1905-1909“. Zwei Jahre lang hielt die Gruppe Versammlungen ab und gab ein Rundschreiben heraus, im dem „politische Freiheit und Gewaltenteilung“ vertreten wurden. 

Bei den massiven Anti-Schah Demonstrationen am 5. Juni 1963 im Iran antwortete die Polizei des Schahs mit „massivem Schußwaffeneinsatz“ und „tötete Tausende Menschen“. Die Ereignisse gingen als Juni – Aufstand in die iranische Geschichte ein. Die Freiheitsbewegung unterstützte die Demonstranten und wurde dafür später verboten, zusammen mit vielen anderen pro-demokratischen Bewegungen und Bazargan wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Zwei Jahre später gingen drei junge Ingenieure einen neuen Weg, um Demokratie und Freiheit in den Iran zu bringen. Sie wussten, dass eine Wiederholung der Aktionen der Freiheitsbewegung am Ende wieder nur zum gleichen desaströsen Ende führen würde, daher war eine neue Strategie nötig.

Die drei Ingenieure bildeten eine Diskussionsgruppe mit 20 vertrauten Freunden und am 20. September 1965 hielten sie ihr erstes Treffen ab. Die meisten Mitglieder waren Fachkräfte aus Teheran. Zweimal die Woche kamen sie zusammen, um über Religion, Philosophie und revolutionäre Ideen zu diskutieren.

Obwohl alle von ihnen Muslime waren, sahen die Gründer der PMOI eine Gesellschaft, die zwischen tyrannischen und freiheitlichen Kräften gespalten war und weniger zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen. Wie die meisten Iraner wollten auch die Gründer eine säkulare Republik und die Gründung der Demokratie im Iran. Die PMOI hat sich also niemals für eine ideologisch geprägte Regierung, eine islamische Regierung oder andere Formen ausgesprochen. 

Die Suche der PMOI gipfelte in einer wahren Interpretation des Islam, welcher eine Brücke zu Toleranz und Demokratie schlägt und der vollkommen kompatibel mit den Werten einer modernen Zivilisation ist. Es brauchte sechs Jahre, bis die Organisation seinen progressiven Weg des Islam formulierte und eine Strategie entwickelte, wie man die diktatorische Monarchie des Iran durch eine demokratische Regierung ersetzen konnte. 

Die Geheimpolizei des Schah, der SAVAK, ließ alle PMOI Anführer verhaften, die meisten von ihren in einer Serie von Razzien 1971. Am Morgen des 25. Mai 1972 (4. Khordad 1351 nach iranischer Zeitrechnung) wurden die drei Gründer der PMOI zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern der Führung der PMOI, Mahmoud Askarizadeh und Rasoul Meshkinfam, von Todeskommandos hingerichtet, nachdem sie lange Monate inhaftiert waren und in den Kellern des Geheimdienstes SAVAK gefoltert wurden. Sie waren die Vorhut für den Aufstand gegen das diktatorische Regime des Schahs.

Das Todesurteil für Massoud Rajavi, der danach die Führung der PMOI übernommen hatte, wurde durch eine Kampagne des in Genf lebenden Bruders Dr. Kazem Rajavi in eine lebenslange Haft umgewandelt, nachdem auch die französischen Präsidenten Georges Pompidou und Francois Mitterrand persönlich interveniert hatten. Dr. Kazem Rajavi wurde im April 1990 von Terroristen der Mullahs in Genf ermordet.

Zwischen 1975 und 1979 führte Massoud Rajavi trotz mehrerer Verlegungen in verschiedenen Gefängnissen den Kampf der iranischen Volksmojahedin. Er wurde deshalb in das Teheraner „Komiteh“- Folterzentrum verlegt und fast zu Tode gefoltert. Doch er hielt an der Fortsetzung des Kampfes gegen die Schah Diktatur fest und er begann auch, den religiösen Fanatismus als primäre interne Bedrohung zur Volksopposition in den Vordergrund zu stellen und warnte vor dem Wachsen des religiösen Hintergrundes und des Despotismus, den Chomeni verkörperte. Diese Positionen blieben bis zum Sturz des Regimes des Schah im Manifest der PMOI verankert.

Am 16. Januar 1979 floh der Schah aus dem Iran und kehrte nie wieder in ihn zurück. Alle demokratischen Oppositionsanführer waren zu diesem Zeitpunkt entweder hingerichtet oder inhaftiert worden und hatten somit wenig direkten Einfluss auf die Ereignisse. Chomeini und sein Netzwerk der Mullahs im ganzen Land, die ebenfalls Wut auf den SAVAK hatten, waren die einzige Kraft, welche noch intakt war und die das politische Vakuum füllen konnten. In Frankreich hatte zuvor Chomeini bereits große Aufmerksamkeit in den Medien erlangt und wurde von der französischen Regierung unterstützt. Mit der Hilfe seiner klerikalen Gefolgsleute konnte er die Revolution mißbrauchen und er wandelte die Rufe nach Demokratie und Freiheit schnell in seine fundamentalistischen Ziele um. Es war diese Kombination historischer Ereignisse, welche die schiitischen Kleriker an die Macht im Iran brachte.

In internen Diskursen wies Massoud Rajavi darauf hin, dass Chomeini nur den reaktionären Sektor der Gesellschaft wieder spiegelt, einen Sektor, der religiösen Faschismus propagiert. In den frühen Tagen nach der Revolution 1979 nutzte vor allem Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, der später Präsident wurde, seine Erklärungen, damit die Schlägertrupps der Hisbollah die Unterstützer der PMOI angreifen konnten.

Die fundamentalistischen Mullahs im Iran sehen den Islam als ihren exklusiven Besitz. Die PMOI (MEK) lehnt diese Sichtweise und die klerikale reaktionäre Vision des Islam ab. Die PMOI entwickelte eine Interpretation des Islam, die sich als überzeugender, reizvoller und erfolgreicher zeigte, als jeder andere Versuch in der Vergangenheit.

Moderner Islam
Während sich die PMOI als politische Organisation versteht, ist ihre Orientierung, ihr Einsatz und ihre Unterstützung ein Resultat der Interpretation des Islam, der in den Gründungsjahren entwickelt wurde. Die PMOI glaubt, dass der Islam eine tolerante und demokratische Religion darstellt und dass er vollkommen kompatibel mit der modernen Zivilisation ist.

Für die Volksmojahedin sind Freiheit, die Gleichheit der Geschlechter, ethnischer Gruppen und der religiösen Glaubensrichtungen, Menschenrechte und Frieden nicht nur feste politische Versprechen, sondern seine ideologischen Prinzipien basieren auf einer Sichtweise des Koran und den Traditionen und Lehren von Prophet Mohammad, der schiitischen Imame und anderen Anführern.

Die politische Plattform und die Interpretation des Islam sind ein und dasselbe für die PMOI. Diese Kombination macht die PMOI politisch einzigartig und das ist ein großer Grund, warum die Organisation bis heute besteht und große Unterstützung erfährt.

Der Schah hatte Angst vor der PMOI, weil sie beliebt war und Demokratie und Menschenrechte unterstützte. Dieselbe Angst haben auch die Mullahs. Die Interpretation des Islam durch die Volksmojahedin widerspricht in direkter Form der Ideologie der Kleriker, welche Intoleranz, Extremismus und Frauenfeindlichkeit propagiert und die genozidal und undemokratisch ausgerichtet ist.

1982 äußerte sich Massoud Rajavi über die PMOI und den Islam wie folgt:

„Der Islam, den wir wollen, ist national gesinnt, demokratisch, progressiv und er steht nicht im Gegensatz zur Wissenschaft und der Zivilisation. Wir glauben, dass es keinen Konflikt zwischen moderner Wissenschaft und dem wahren Islam gibt, wir glauben, dass es im Islam auch keinen Zwang und Diktatur geben muss.“ (Massoud Rajavi: „Wir sind die einzige echte Bedrohung für Chomeini“, MERIP Berichte, März-April 1982)

Hier weitere Details der Interpretation des Islam durch die PMOI:

Der Islam ist dynamisch
Rajavi beschrieb die Interpretation des Korans durch die Mullahs als mechanisch und gesteuert. Im Gegensatz dazu glaubt die PMOI daran, dass der wahre Islam so dynamisch ist, dass er niemals soziale Fortschritte verhindert. Er lehnt Wissenschaft, Technologie und Zivilisation nicht nur nicht ab, sondern er fördert sie sogar.

Auf der 23 Jahre andauernden Mission von Mohammad wurden einige Verse als abgelaufen erklärt. Einige Verse über soziale und wirtschaftliche Angelegenheiten wurden in den frühen Jahren der Herrschaft des Propheten verändert, angepasst an soziale Entwicklungen, an Änderungen in der Kultur und der sozialen Beziehungen.  In den späten Jahren des Lebens von Mohammad wurden von ihm neue Verse erstellt, die fortschrittlicher in diesen Angelegenheiten waren.

Dies erklärt, warum nur 600 Verse im Koran (weniger als 10 Prozent) Erlasse enthalten. Die limitierte Zahl der Erlasse zeigt, dass der Koran nicht dafür gedacht war, Gesetze für die Gesellschaft vorzugeben, sondern dies den Menschen zu überlassen. Der Koran hob Hindernisse für eine soziale Evolution auf. Im Koran heißt es, dass er dazu da ist, um die Ketten und Fesseln der Menschen zu sprengen, die diese durch bisherige unterdrückende Herrscher und Regime erlangt haben (Koran, Sure 7, Vers 157).

Erlasse & Regeln der Führung
Der Islam ist eine Ideologie mit einer weitreichenden Sichtweise über Existenz, Gesellschaft und Geschichte und nicht eine Kollektion von Erlassen und Regeln im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereich.

Die Fundamentalisten interpretieren die Erlässe, Regeln und zeitweisen Regeln als unveränderliche Dogmen. Die PMOI hingegen glaubt, dass weder der Koran noch der Islam diese Behauptung stützen und dass die erwähnten Regeln und Erlässe nicht veränderlich sind und für alle Zeiten bestehen müssen. Der Koran regt hingegen an, dass soziale und wirtschaftliche Erlässe in jeder Ära neu angepasst werden müssen und dass sie dazu dienen müssen, dass unterdrückende Kräfte die Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft nicht behindern oder stoppen.

In der Sichtweise der PMOI ist eine strenge und rigide Interpretation des Islam, wie sie Chomeni und fundamentalistische Kleriker vertreten, eine unislamische Sichtweise und kontraproduktiv zum Geist des Islam.

Demokratie
Die PMOI hält Demokratie als unverzichtbar für den Islam. „Der Islam blüht nur im Geist der Freiheit und Aufrichtigkeit auf“, und die PMOI kann daher „nicht auf den legitimen Rechten der Menschen herum treten.“ [Quelle: „Feinde der Ajatollahs“ von Mohammad Mohaddessin, Zed Books, London, 2004]

Der Koran sagt, der wichtigste Punkt, der Menschen von Tieren trennt, ist der freie Wille und die Verantwortung für das Individuum. Auf dieser Basis müssen Menschen in ihren Taten bewertet werden.  (Koran, Sure 2, Vers 256). Der freie Wille und das Recht zur Wahl ist fester Bestandteil jeder Demokratie und der Regierung durch das Volk.

Gottes Wille, sofern es die Gesellschaft betrifft, ist historisch durch demokratische Führung bezeugt worden. Der Koran und die Traditionen von Prophet Mohammad und Anführern wie Ali ibn Ali Taleb, dem ersten schiitischen Imam, unterstreichen die Notwendigkeit der Herrschaft durch das Volk. Die Hinweise auf diese Werte finden sich in islamischen Lehren, die bis auf das 14. Jahrhundert zurück gehen.

Die fundamentalistischen Mullahs hingegen lehnen die Konzepte des freien Willens und der individuellen Wahl ab und daher ist Demokratie aus ihrer Sicht inkompatibel mit dem Islam. Doch die Verbreitung des Wortes von Gott und dem Islam ist ohne Freiheit und den individuellen Willen und dem Recht zur Wahl nutzlos.

Wahlen
Die PMOI glaubt, dass die sozialen Kriterien für die politische Legitimität in der Wahl bestehen. Es ist die Wahl, welche den freien Willen in einer freien und fairen Wahl ausdrückt. Sie gibt einer Partei, Gruppe, Koalition oder einer Person das Recht, zu regieren.

Die fundamentalistischen Mullahs glauben an das Konzept des velayat-e faqih (Oberherrschaft der Geistlichkeit), welches Gesetzgebung, Macht und Legitimation in die Hand des obersten geistlichen Führers legt. Solch ein klerikales System ist bereits von der Definition her totalitär, weil es die Freiheit und das Recht zur politischen Teilhabe für jeden ausschließt, die nicht den islamischen Staat unterstützt.

Frauenrechte
Die iranischen Frauen sind die Hauptopfer der religiösen Diktatur und des Dogmas der Mullahs. Das klerikale Regime deklariert Frauen zu Menschen zweiter Klasse. Sie verweigern ihnen das Recht zur Führung, der Präsidentschaft und als Richter tätig zu sein.

Die fundamentalistischen Mullahs glauben, dass Ehemänner allein das Recht haben, sich von ihren Frauen zu trennen, egal wann sie dies wünschen und dass sie nach der Scheidung die Kinder an sich nehmen dürfen. Sie glauben, dass der Vater das Recht hat, zu bestimmen, wen die Tochter heiratet und wenn sie Erwachsen ist, hat sie keine Rechte mehr zum Widerspruch.

Die PMOI unterstützt die Gleichheit der Geschlechter in allen Aspekten, sowohl vom Recht der Wahl des Ehemanns und Heirat, als auch beim Erbrecht, dem Sorgerecht, der Arbeitsplatzwahl, dem Wahlrecht und der höchsten Positionen in der Regierung, sowie dem gleichen Wertung der Aussage vor Gericht. Daher ist auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau eine der zentralen Plattformen der PMOI, die Maryam Rajavi als Präsidentin des iranischen Widerstandes vertritt.

Freiheit
Massoud Rajavi betonte bereits 1980 in einer Rede die Wichtigkeit von Freiheit:
 „Freiheit ist eine göttliche Gnade….Jeder, der die menschliche Freiheit beschränkt, hat weder den Islam noch den Sinn der anti-monarchischen Revolution (1979) verstanden. Freiheit ist unabdingbar für das Überleben der Menschheit als menschliche Wesen. Wenn dies nicht geschieht, dann unterscheidet uns nicht mehr von Tieren und dann können wir für nichts mehr zur Verantwortung gezogen werden“. – [Quelle: Mojahed (Tageszeitung der PMOI), 15. Juni 1980. „Die Feinde der Ajatollahs“ von Mohammad Mohaddessin, Zed Books, London, 2004.]