Friday, February 3, 2023
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Das Opfer Christi kann uns auf die Not der Iraner in Camp Ashraf aufmerksam machen

Von Erzbischof Alan Harper
Erzbischof Alan Harper ist der Primat der Kirche von Irland
RITUAL UND RATIONALITÄT: Diese Heilige Woche ruft einen großen Verrat ins Gedächtnis zurück. Zu unserer Trauer findet dieser ein Echo in jüngeren Geschehnissen

WANN, WENN überhaupt einmal, ist es zweckmäßig, dass ein Mann für das Volk sterben sollte? In dieser Woche erinnern wir uns an Kaiphas, den Anwalt der Zweckmäßigkeit, der vor der Verhaftung Jesu den Sanhedrin riet, dass es zum allgemeinen Guten wäre, wenn ein Mensch für das Volk stürbe. Wo Zweckmäßigkeit zur Doktrin wird, fällt die Gerechtigkeit den Kollateralschäden zum Opfer.
Bis vor kurzer Zeit lebten in Camp Ashraf/Irak 3400 Iraner, die ihres Widerstandes gegen das Regime im Iran wegen verfolgt werden und im Exil leben müssen. Von Saddam Hussein zunächst als Verbündete begrüßt in seinem katastrophalen Krieg gegen den Iran, gerieten die Bewohner von Ashraf an den Rand eines sinnlosen und gescheiterten Krieges.
Im Exil lebend, wurden sie in den Irakkrieg des Jahres 2003 verfangen. Ein Waffenstillstand zwischen den Koalitionstruppen, die die Invasion durchführten, und den Mojahedin brachte Camp Ashraf unter die Kontrolle der US-Armee.
Die Bewohner von Ashraf sind seitdem immer wieder zum Pfand in der Nahostpolitik geworden.
2004 erklärte die US-Armee die Bewohner zu »geschützten Personen« nach der Vierten Genfer Konvention. Im Jahre 2009 wurde die Aufgabe, sie zu schützen, den Irakern übertragen.
Seither haben die Bewohner immer wieder Menschenrechtsverletzungen erlitten. Camp Ashraf wird belagert und es sind mindestens zwei blutige Angriffe vorgefallen, offensichtlich von irakischem Militär verübt. Bei einem dieser Überfälle wurden 34 waffenlose Menschen getötet und viele andere verwundet.
Die neue irakische Regierung hat, in dem Versuch, ihre Beziehungen zum Iran zu bereinigen, ihre Absicht erklärt, Camp Ashraf zu schließen und seine Bewohner in den Iran zurückzutreiben. Wer kann bezweifeln, dass darauf Verfolgung, Inhaftierung und Tod unvermeidlich folgen würden?
Inzwischen ist ein neues Lager eröffnet worden, ein Lager mit dem Namen Liberty. Es soll alle 3400 Menschen plus 150 irakische Soldaten beherbergen. Nach Berichten gibt es dort kein fließend Wasser und nachts keinen elektrischen Strom. Kürzlich fiel die Abwasserentsorgung aus und viele Wohnplätze wurden mit Abwasser überflutet. Vipern bedrohen die Menschen und die Bewohner erhalten keinen Zugang zu Ärzten und Anwälten.
Die Bewohner von Ashraf haben die irakische Forderung, das Land zu verlassen, akzeptiert. Am 13. September 2011 erließ der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen eine Mitteilung, wonach die Bewohner von Ashraf die Feststellung ihres Flüchtlingsstatus beantragt haben – der erste Schritt zu einer freiwilligen Umsiedlung in Drittländer.
In derselben Erklärung teilte der UNHCR mit, dass die Bewohner offiziell Asylsuchende seien. Damit steht ihnen nach dem Völkerrecht Schutz zu. Drei Gruppen von je 400 Bewohnern von Ashraf sind bereits nach Liberty umgezogen.
Die Vereinten Nationen, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union haben alle hochachtbare Gefühle geäußert darüber, dass die legitime Forderung der Bewohner nach Schutz erfüllt werden müsse. Aber alles ohne Ergebnis.
Stattdessen bestehen sie darauf, dass dieselbe irakische Regierung, die im April 34 Menschen [in Ashraf] töten ließ, für die Sicherheit und Wohlbehaltenheit aller Überlebenden verantwortlich sei.
Man ist an den bußfertigen Pastor Martin Niemöller erinnert, der als Antikommunist zunächst den Aufstieg Hitlers begrüßte. Später wurde er inhaftiert, da er nicht genug Begeisterung für die Naziregierung zeigte. Er schrieb: »Zuerst griffen sie die Kommunisten an und ich erhob meine Stimme nicht, denn ich war kein Kommunist. Dann gingen sie gegen die Gewerkschaften vor und ich protestierte nicht, denn ich gehörte den Gewerkschaften nicht an. Jetzt haben sie mich im Visier, und es ist niemand übrig, der für mich eintreten könnte.«
Die Leute von Ashraf stehen für Zehntausende in aller Welt, die man für entbehrlich hält, da sie keine Macht haben.
Wenn es in dieser Heiligen Woche in den Augen der Mächtigen zweckmäßig schien, dass ein Mensch für das Volk stürbe, warum nicht auch 3400?
Wer tritt für die Entbehrlichen ein und gegen die Zweckmäßigkeit?