Friday, December 2, 2022
StartNachrichtenMenschenrechteDer Iran testet die Entschlossenheit des Irak an der Grenze

Der Iran testet die Entschlossenheit des Irak an der Grenze

Iran Tests Iraqi Resolve at the BorderDonnerstag, den 17. Juni 2010
Die NEW YORK TIMES – ALI RASH, Irak – Dies entlegene Dorf, das in den zerklüfteten Bergen an der iranischen Grenze liegt, ist verlassen worden; seine Bewohner flohen vor den Bomben der iranischen Luftwaffe und Artillerie.

Sie brachten alles, was sie tragen konnten, auf steilen Bergpfaden hinab.

Jetzt leben die mehreren hundert Kurden, die Ali Rash und andere Bergdörfer verlassen haben, in für die Flüchtlinge errichteten Zeltlagern.
Mit Rücksicht auf sie wird gefragt, ob der Irak seine Grenzen gegen den Iran verteidigen will, der sie in den vergangenen Monaten mehrfach überschritten hat.

Die Angriffe auf Ali Rash und mindestens ein Dutzend anderer kurdischer Dörfer haben mehr als einen Monat gedauert; dazu gehörte ein Vorstoß iranischer Panzer mehr als eine Meile weit in irakisches Gebiet. Von der irakischen Regierung gab es nur einen schwächlichen Protest, mit einer Erklärung, in der die Nachbarländer gebeten werden, die Grenzen zu respektieren.

Die iranische Regierung hat erklärt, die Bombenangriffe seien notwendig, um die kurdischen Guerrilleros, die im Iran zuschlagen und im Irak Zuflucht finden, zu schwächen. Der einzige bestätigte Zwischenfall betraf ein 14jähriges Mädchen.

Die iranischen Übergriffe treffen Irak in einer kritischen Situation – der politischen Pattsituation, daß mehr als drei Monate nach der Wahl immer noch unklar ist, wer die nächste Regierung anführen wird, und nach nicht einmal drei Monaten das amerikanische Militär seinen letzten Soldaten aus dem Land abziehen soll.

Truppen der Vereinigten Staaten patroullieren immer noch entlang von Teilen der irakisch-iranischen Grenze, die 910 Meilen lang ist, aber in den Dörfern des Qandil-Gebirges, die die iranischen Angriffe erlitten haben, gibt es keine amerikanischen, irakischen oder kurdischen Soldaten; die Flüchtlinge sagen, ihnen werde kaum geholfen.

„Wir sind uns selbst überlassen,“ sagte Bahar Ibrahim, 27 Jahre alt; sie ist aus Ali Rash geflohen und seit 8 Monaten schwanger.

In den Dörfern Ali Rash und Sharkhan hat iranische Munition Krater in die Weiden und um die Steinhäuser herum gerissen.

Die hunderte von Menschen, die in den Dörfern lebten, befinden sich jetzt als Flüchtlinge in Lagern. Nur einige Pferde sind in den Dörfern zurückgeblieben.
Selbst die Bienen haben sich in sicherere Orte zurückgezogen. An den Abhängen der Hügel, wo die Dorfbewohner Weizen anbauten, ist der Boden schwarz verbrannt.

Die Bombardierungen setzen iranischen Grenzübergriffe fort, die sich während der letzten 13 Monate ereignet haben und zu denen ein Hubschrauberangriff gehört, der im vergangen Mai auf kurdische Dörfer im Norden des Irak verübt wurde, ebenso wie die Besetzung eines Teils des Ölfelds von Fakka im Südosten des Irak während dreier Tage im vergangenen Dezember.

Im vorigen Monat lieferten sich iranische Truppen entlang der Grenze ein Feuergefecht mit der Pesh Merga, der kurdischen Sicherheits-Truppe, bevor sie einen Soldaten der Pesh Merga gefangen nahmen und für kurze Zeit in Haft hielten. Sie behaupteten, sie hätten den Soldaten fälschlich für das Mitglied einer Guerilla-Gruppe gehalten, die „Partei des Freien Lebens von Kurdistan“, die gewöhnlich mit der Abkürzung P. J. A. K. bezeichnet wird.

Die P. J. A. K., die die kurdische Selbstbestimmung im Iran verstärken will, und die mit ihr verbündete „Kurdische Arbeiterpartei“ (P. K. K.), die um kurdische Autonomie in der Türkei kämpft, benutzen entlegene Außenposten in der halbautonomen kurdischen Region des Irak, um Angriffe zu unternehmen – so erklären die iranische und die türkische Regierung.

Auch die Türkei bombardiert Grenzgebiete im Irak, um Rebellen zu verfolgen. Am Mittwoch wurde von Zusammenstößen zwischen türkischen Truppen und Kämpfern der P. K. K. berichtet, die zum Tod von vier Guerrilleros und einem türkischen Soldaten führten. Später teilte das türkische Militär mit, es habe in der kurdischen Region des Irak Bomben abgeworfen, und seine Soldaten seien mehr als eine Meile weit in den Irak eingedrungen, um die Guerilla-Kämpfer zu verfolgen. Die kurdischen Guerilla-Gruppen werden von der Regierung der Vereinigten Staaten auf der Liste der terroristischen Organisationen geführt, obwohl die P. J. A. K. noch vor vier Jahren zu amerikanischen Regierungsvertretern Kontakt hatte.
Die P. J. A. K. behauptet, ihre Angriffe auf den Iran seien gerecht gewesen.
 „Wir töten niemals Zivilisten,“ sagte Haval Kalhwr, ein Sprecher der P. J. A. K. „Wir operieren nur defensiv – in einer Weise, die international als rechtens anerkannt wird.“
Beamte der kurdischen Region des Irak haben Bagdad kritisiert, weil es zu wenig tue, um die iranischen Behörden von den Angriffen abzubringen. Die Beamte leugnen, daß sie Guerilla-Kämpfer beherbergen.
 „Das Bombardement wurde fortgesetzt; d. h.: Die irakische Regierung hat in dieser Situation keine eindeutige Stellung bezogen,“ sagte Twana Ahmad, ein Sprecher von Barham Salih, dem Ministerpräsidenten der kurdischen Region.

Der Iran hat in den vergangenen sechs Wochen mehrere Male behauptet, er habe die Bombenagriffe eingestellt, nur um sie am nächsten Tage oder etwas später fortzusetzen, je nach dem Widerstand der Dorfbewohner und der kurdischen Offiziellen.

Kurdische Flüchtlinge erklären: Weil die Bomben ihre Weizenfelder und ihr Vieh verbrannt haben, werden noch Jahre vergehen, bis die Dörfer ihre wirtschaftliche Sicherheit wiedergewonnen haben.

Einstweilen erhalten sie Wasser von Hilfsorganisationen und kaufen Lebensmittel von reisenden Händlern, die das Doppelte des Marktpreises fordern.

Einige leben seit Wochen in Zelten, und das medizinische Personal sagt, die unhygienischen Zustände könnten in den Lagern zum Ausbruch von Krankheiten führen.

Sabria Salih, 26 Jahre alt, die ein 8 Monate altes Kind hat, sagte, Ali Rash, das Dorf, aus dem sie vor mehr als vier Wochen floh, sei schweren Angriffen der iranischen Truppen ausgesetzt worden.
 „Wir haben fast alles zurückgelassen,“ sagte sie. „Wir haben nur noch einige Decken.“

Sie sagte, die iranische Regierung irre sich, wenn sie annehme, es gebe Guerrilleros unter den Dorfbewohnern.

 „Kein Mitglied der P. J. A. K. ist bei den Angriffen getötet oder verletzt worden,“ sagte sie. „Und niemand hat die P. J. A. K. je in unserem Dorf gesehen.“