Thursday, December 8, 2022
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Die Menschenrechtsverbrechen von Ebrahim Raisi, der Augenzeugenbericht von Rasoul Tabrizi

Die Menschenrechtsverbrechen von Ebrahim Raisi, der Augenzeugenbericht von Rasoul Tabrizi
Im Namen Gottes,
ich bin Rasoul Tabrizi, ich wurde 1981 dafür verhaftet, dass ich ein Unterstützer der Volksmudschahedin des Iran (MEK) war. Ich wurde zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt in einem „Prozess“, der nur wenige Minuten dauerte. Aus dem Evin Gefängnis wurde ich in das Qezelhesar Gefängnis gebracht, wo ich fünf Jahre verbrachte und 1986 wurde ich zurückgebracht in das Evin Gefängnis. Dort verbrachte ich fast zwei Jahre, in verschiedenen Trakten des Evin Gefängnisses. Im Februar 1988 wurden die Gefangenen nach ihren Urteilen sortiert, danach wurde ich mit wenigen anderen, die zu über zehn Jahren Haft verurteilt worden waren, in das Gohardasht Gefängnis gebracht, um mit meiner Bestrafung konfrontiert zu werden.
Bevor das Massaker stattfand, waren wir in einer der Unterabteilungen von Gohardasht, was zeitlich zusammenfiel mit Khomeinis Annahme des Waffenstillstands in dem Krieg, der mit dem Irak geführt worden war. Am Tag, nachdem Khomeini die UNO Resolution akzeptierte, merkten wir, dass die Bedingungen etwas anders wurden, als wir es sonst gewohnt waren, und sie brachten uns an einen Ort, der zu der Zeit Teil des „Dschihad Traktes“ war. Schon am ersten Tag gingen wir in den Hungerstreik und wollten dort nicht bleiben. Der Wärter, der uns Essen brachte, sagte uns, dass wir bleiben und unsere Münder verschlossen halten sollten, da dies ein guter Ort sei. Aber wir hörten ihm nicht zu und das ging so weiter bis zum 6. oder 7. August, als Nasserian dorthin kam zusammen mit Hamid Abbasi (Noury) und Davud Lashkari und ein paar anderen Revolutionsgardisten. Sie sagten, dass diejenigen, die in diesem Trakt nicht bleiben wollten, herauskommen sollten. Wir verließen alle diesen Ort und wurden einzeln in einen Raum geführt und über unsere Anklagepunkte befragt. Wir waren 60, die erklärten, dass wir angeklagt seien, Sympathisanten der MEK zu sein und wir wurden von den anderen getrennt. Sie überstellten uns in Einzelhaft im Hauptteil des Gohardasht Gefängnisses.
Nach zwei Tagen in Einzelhaft, wenn ich mich nicht irre, war es am 9. August, da führten sie uns das erste Mal in den Todeskorridor. Es war eine sehr ungewöhnliche Situation im Todestrakt. Ich habe niemals sonst gesehen, dass sie so sehr auf Sicherheit im Gefängnis bedacht waren. Sie zwangen uns, von Person zu Person einen Abstand von etwa 2 Metern zu halten und die Zahl der anwesenden Wärter war hoch. Es war nicht erlaubt, zu sprechen und sich zu unterhalten und alle bekamen die Augen verbunden. Vorher konnten wir immer unter der Binde sehen, was um uns vorging oder wer da war und über wen sie sprachen, aber an diesem Tag hatte ich absolut nicht mehr diese Möglichkeit. Es herrschte dort absolutes Schweigen. Nachdem wir stundenlang im gleichen Korridor gesessen hatten, kam ein Revolutionsgardist zu mir, fasste mich an den Kragen und rief meinen Namen. Er führte mich in den Raum, wo die Todeskommission saß. Als ich in diesen Raum trat, stand ich dort mit der Augenbinde und, soweit ich das feststellen konnte, verstand ich, dass es vorne einen Tisch gab mit Haufen von Akten, so dass die Person, die dahinter saß, wie unter diesen Akten begraben zu sein schien. Als ich ein wenig unter die Binde schaute, konnte ich Morteza Eshraghi und Hossein-Ali Nayeri erkennen. Ich glaube, Ebrahim Raisi und Pourmohammadi saßen links von Nayeri. Der Tisch hatte L-Form und Nasserian, Hamid Abbasi (Noury) und Davud Lashkari saßen dahinter. Sie fragten mich nach meinen Anklagen und ich antwortete, dass ich ein Unterstützer der Organisation sei. Eshraghi fragte mich, welcher Organisation. Ich antwortete, dass ich ein Unterstützer der gleichen Organisation sei, die wir alle kennen.
Wie ich von anderen hörte, wurden die, die Todesurteile bekommen hatten, in einer Reihe auf einer Seite der Wand aufgestellt und sie wurden nach Hosseinieh gebracht, wo sie hingerichtet wurden. Der Rest wurde zeitweise in die Einzelzellen zurückgeschickt.
Das ging so weiter und wir fingen an, uns darüber im Klaren zu sein, dass die Hinrichtungen tatsächlich vollreckt wurden. In dieser ganzen Zeit waren Zeitungen, Fernsehen und sogar Besuche von Angehörigen nicht erlaubt und wir verloren die Verbindung zur Außenwelt. Wenige Monate später, als die Hinrichtungen aufhörten, kam Hamid Abbasi (Noury) in unseren Trakt und wollte mit uns sprechen. Es fing damit an, dass er so Dinge sagte wie, dass er Gott und seinen Imam Khomeini um Verzeihung bitte. Er bat um Vergebung dafür, dass sie die Fatwa nicht vollständig ausgeführt und einige von uns nicht getötet haben. Dann wandte er sich uns zu und erklärte, dass das Urteil immer noch gültig sei und wenn wir den kleinsten Fehler machten oder protestierten oder wenn sie glaubten, dass wir immer noch loyal zu unseren Überzeugungen stünden, würden sie das Urteil umgehend vollstrecken. Dann sagte er, wenn sie die Fatwa ihres Imams Khomeini richtig ausgeführt hätten, dann hätten sie die Hälfte aller normalen Leute außerhalb des Gefängnisses verhaftet und hingerichtet.
Mit diesen Worten wollte er uns abschrecken und die gleiche Atmosphäre des Schreckens innerhalb des Gefängnisses verbreiten. Er wollte hervorheben, dass das Urteil immer noch in Kraft sei und die Behörden Leute hinrichten könnten, wann immer es ihnen gefiel.
Wenn manche Leute versuchen, den Prozess von Hamid Noury und das Massaker mit den bewaffneten Operationen der NLA innerhalb des Iran in Verbindung zu bringen, so würde ich sagen: das ist falsch. Seit 1986 hat der grausame Assadollah Lajevardi verkündet, dass, wenn sie irgendwann erkannt hätten, dass die MEK kommen und die Gefangenen befreien wollte, sie in jede Zelle eine Granate werfen und sicher stellen würden, dass niemand das Gefängnis lebend verlassen würde. Seit 1986 führten Vernehmer, die mit dem Minister für Nachrichtendienste in Verbindung standen, wenn Gefangene zur Befragung gebracht wurden, auf verschiedene Art und Weise aus, dass sie ‚eines Tages mit uns zu Rande kämen und gut für uns sorgen würden‘.
Als Massoud Moghbeli zum früheren Gemeinsamen Komitee gebracht wurde, wurde ihm gesagt, dass das Regime einige Pläne mit den Gefangenen hätten und dass sie uns in drei Gruppen aufgeteilt hätten: rot, gelb, weiß. Er sagte, dass sie die roten schlagen würden, ‚dass sie sich um die gelben kümmern und den anderen sagen würden, dass wir zu ihnen kommen würden‘.
Einmal hatte der Vertreter von Ajatollah Montazeri mit Namen Hossein Ansari die Gefangenen besucht, und als sie ihm sagten, was im Gefängnis vor sich ging, hatte er erklärt, es gebe nichts, was sie tun könnten, und dass wir uns selber um uns kümmern sollten. Er warnte sie, dass die Gefängnisbehörden einige Pläne hätten und dass sie die Ausrüstung, die sie in unseren Trakten gefunden hätten, als Beweise dafür benutzt hätten, dass die Gefangenen rebellieren wollten. Er sagte uns etwas über die Machenschaften und bat die Gefangenen, vorsichtig zu sein.
Diese Tatsachen und die Beweise zeigen, dass das Massaker und der Genozid, den sie 1988 begannen, nichts mit dem bewaffneten Konflikt mit der MEK zu tun hatten und dass dies ein Plan war, den sie ernsthaft zwischen 1986 und 1987 verfolgt hatten. Der Genozid sollte eigentlich sogar im Herbst und Winter 1987 stattfinden, aber aus irgendeinem Grund wurde er bis 1988 zurückgestellt.
Wegen des Prozesses, von dem wir in den Gefängnissen selbst Zeugen wurden, haben die Hinrichtungen nichts mit der Operation Ewiges Licht zu tun. Genau weil Khomeini das Problem mit dem jahrelangen Gefängnisurteil für sein Regime lösen wollte, beging er diesen Genozid und dieses Verbrechen und viele der Kinder, die zu Strafen zwischen wenigen Jahren und lebenslang verurteilt worden waren, alle diese Kinder wurden zu fünf Jahren, zehn Jahren, 15 Jahren verurteilt und sie wurden eingesperrt. Aber zu dieser Zeit, ohne dass es ein neues Verbrechen gab, haben sie in Verfahren von wenigen Minuten mit einer sehr kurzen Frage und Antwort, besonders an Tagen, wo nur nach den Anklagen gefragt wurde, wie wir hörten, und wenn es genug war, zu sagen, dass es um die MEK und das Sympathisieren mit der MEK ging, dann haben sie ohne sonstige Fragen und Antworten ihre Todesurteile unterzeichnet.
Das war nichts als Genozid, ein Massaker an denen, deren Haftzeiten festgelegt waren und die einen Teil dieser Zeit im Gefängnis abgesessen hatten. Ich war sieben Jahre im Gefängnis. Andere Gefangene hatten ein Urteil über sechs Jahre, sieben Jahre oder es waren Leute, die seit 1980 inhaftiert waren. Manchmal war die Haftzeit von Leuten zu Ende und sie waren immer noch im Gefängnis, weil sie sich weigerten, in Fernsehinterviews ihre Organisation und ihre Überzeugungen zu denunzieren. Sie richteten Gefangene hin, die 1980 verhaftet worden waren. Es gab Nasser Mansouri, der wegen des starken Drucks der Gefängniswärter einen Selbstmordversuch beging. Er stürzte sich aus der zweiten Etage herab und war gelähmt wegen eines Schadens an der Wirbelsäule. Sie brachten ihn vor die ‚Todeskommission‘ auf einer Bahre und nach einer Minute oder zwei wurde er auf der gleichen Bahre zum Galgen getragen. Es gab Leute mit schweren Krankheiten wie Mohsen, dessen Nachnamen ich vergessen habe. Er war von Geburt an gelähmt und ging immer auf zwei Krücken.
Alle diese Verbrechen und Gräueltaten und die Hinrichtung von 30 000 jungen freiheitsliebenden Menschen, die nichts als die Freiheit ihres Volkes wollten, ereigneten sich in zwei Monaten auf der Grundlage der gleichen Fatwa von Khomeini. Mit zwei- oder dreihundert von ihnen, mit denen wir in einem Trakt zusammenlebten, wurden unter Härten und in Freude hingerichtet. Wir waren bei all dem zusammen. Warum wurden sie hingerichtet? Ich habe die Frage seit 30 Jahren gestellt, warum meine Freunde getötet wurden.
Viel Angehörige haben keine Anzeichen dafür, wo ihre Kinder begraben wurden. Diese Angehörigen wissen nicht, wohin sie gehen sollen, um um die ihnen Nahestehenden zu trauern. Jahrelang haben sie diesen Schmerz ertragen müssen. Viele Angehörige waren schockiert wie Massoud Moghbelis Vater, der einen Herzanfall bekam, als er hörte, dass sein Sohn hingerichtet worden war. Er starb kurz darauf. Viele Mütter oder Väter bekamen einen Herzanfall, nachdem sie von der Hinrichtung ihrer Kinder hörten, und viele wurden schwer krank, nachdem sie solche Infarkte bekommen hatten, und gerieten in Not. Manche warten immer noch auf den Tag, an dem sie die Tür öffnen und jemand hereinkommt und ihnen Auskunft darüber gibt, wo sie ihre Kinder finden können.