Friday, January 27, 2023
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Frau Dr. Tüllmann: Gerade Ashraf ist ein Vorbild für die Zukunft, wie wir Menschen unser Leben gestalten können


Frau Dr. Tüllmann: Gerade Ashraf ist ein Vorbild für die Zukunft, wie wir Menschen unser Leben gestalten können
Mir geht es ähnlich wie Rita Süßmuth: Ich bin die ganze letzte Zeit, wie Sie alle, wie wir alle, immer hin und hergerissen bin zwischen dem Gebet (ich finde es so schön, dass wir heute in dieser Kirche sein können), dem Gebet, dass ein Wunder passiert – und für mich wäre das Wunder vor allen Dingen auch, genauso wie auch der Pfarrer und andere hier schon gesagt haben, besonders hier in Deutschland notwendig , aber auch möglich.

 Wir sind in Deutschland durch unsere Geschichte in einer ähnlichen Situation wie ihr Iraner in der Opposition, mit allem, was ihr durchgemacht habt. Aber da morgen der Frauentag ist, möchte ich mich besonders bei allen Frauen und Männern im Iran und vor allen Dingen auch gerade bei den  Volksmujahedin bedanken, die geschafft haben, etwas zu machen, was sie zu Pionieren macht. Gerade Ashraf ist ein Vorbild für die Zukunft, wie wir Menschen unser Leben gestalten können, denn die größte Schwierigkeit, die wir von uns Frauen aus gesehen noch in der ganzen Welt haben, ist die schwierige Beziehung zwischen Männern und Frauen. Und dadurch ist auch so viel Gewalt möglich. Eine Frau hat in meiner Zeitschrift einen Artikel geschrieben: „Für das Vaterland stirbt man, im Mutterland lebt man.“ Ashraf ist für mich ein Mutterland. Ashraf ist ein Symbol für das Leben. Und ich möchte mich ganz herzlich bei euch allen, die ihr hier im Exil seid und wahnsinnige Schicksale in euren Familien und Angehörigen durchgemacht habt – ich möchte mich ganz herzlich bedanken, dass ihr und gerade auch eure Frauen euch gegen die Hierarchie und gegen das Mullah-Regime gewehrt habt. Überall in der Welt geht es bei den Protestbewegungen um den Abbau von Hierarchie und um das Durchsetzen der Demokratie. Und in diesem Ganzen ist der zentrale Nerv der Dialog zwischen Müttern und Kindern. Das ist der Keim für unsere Demokratie; zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit werden Kinderbedürfnisse wahrgenommen – vor allen Dingen im Erziehungsdialog, der nicht einfach anti-autoritär ist, sondern ein  Aushandeln zwischen Kinderbedürfnissen und Erwachsenenbedürfnissen. Wann immer ich in den letzten 10 Jahren die Demonstrationen im Iran verfolgt habe,  immer wieder sind, obwohl furchtbare Gewalt und furchtbare Bestrafungen passieren, Dinge, die man gar nicht fassen und verarbeiten kann, ganz viele Mütter und Frauen zusammen mit ihren Kindern und Söhnen, Studenten, ganz viele Studentinnen mutig auf die Straße gegangen. Ich habe mich immer gefragt: Woher nehmen sie den Mut? Bis ich – auch vor ungefähr zehn Jahren – Maryam Rajavi kennengelernt habe. Ich war zum ersten Mal eingeladen zu einer Frauenkonferenz mit 150 Frauen aus der ganzen Welt in Paris. Damals war Frau M. Rajavi noch frei. Da war noch nicht diese furchtbare Geschichte passiert, dass sie durch Chirac Hausarrest bekam und er sie an den Iran ausliefern wollte. Und als Chirac wiederkam – da war ich auch in Frankreich, und ich möchte mich bei Madame Mitterrand, wieder einer Frau, bedanken – sie hat zu ihm öffentlich im Fernsehen gesagt: „Si tu fais ca, mon cher…“ –  „Wenn du das machst, mein Lieber“ und hat ihn geduzt, den Chirac, wenn du das machst und sie auslieferst (denn es waren 250 Leute von den Volksmujahedin; sie wurden am 17. Juni 2004, nachdem Chirac umfangreiche Wirtschaftsabkommen mit dem Iran, mit dem Mullah Regime abgeschlossen hatte, verhaftet und sollten ausgeliefert werden). „Si tu fais ca, mon cher, dann kannst du das Wort ‚Widerstand‘ aus der französischen Geschichte und aus dem französischen Vokabular bitte streichen!“ Und ich möchte sagen: Die ganze Welt dankt euch und müsste euch danken und müsste euch jetzt helfen, dass ihr Iraner das geschafft habt, dieser iranische Widerstand mit seinem menschlichen Humankapital, dass sowohl religiöse als auch ganz linke Gruppen gemeinsam diesen Widerstand machen und den Widerstandsrat in Paris aufgebaut haben, und vor allen Dingen dort Maryam Rajavi, diese Frau, zur Präsidentin des Iranischen Widerstandes gewählt haben. Als ich sie auf dieser Tagung erlebt habe, hat sie drei Stunden ohne Manuskript über diese Entwicklung gesprochen, die es für jede einzelne Frau von euch und jeden einzelnen Mann von euch ausgemacht hat: die Gleichberechtigung und dies,  einander auf Augenhöhe zu begegnen, die ich bei euch überall und immer wieder (auch von einem Mann kriege ich eben den Kaffee hier serviert, sehr liebevoll – und es ist ein Mann mit einer hervorragenden Ausbildung, der sehr gerne, genau wie jede Frau, uns hier sehr gastfreundlich bewirtet) – für diese ganze Kultur, die ihr in dieser unglaublichen, also fast nicht auszuhaltenden Lage habt. Chirac hat Madame Rajavi dann Gott sei Dank nicht ausgeliefert, aber sie stand unter Hausarrest, das ganze Vermögen wurde eingefroren – was hat diese Frau geschafft! Ein paar Monate später hat sie öffentlich über Satellit vor dem Europäischen Parlament gesprochen und Standing Ovations bekommen, und darnach ein Jahr später vor dem amerikanischen Kongress.
Aber wo sind die Politiker und Politikerinnen, die wir jetzt so händeringend brauchen? Wo sind sie?
Von daher denke ich: Es darf eigentlich nicht nur immer geredet werden, wie wir – natürlich ist das politisch wahrscheinlich notwendig und Maryam Rajavi macht das sicher alles richtig – aber nicht nur darüber geredet werden, dass Ashraf aufgegeben wird, sondern eigentlich müsste es darum gehen, dass Ashraf bleibt. Ashraf ist für mich nicht nur ein Biotop in der Wüste, wie wir ihn eben gesehen haben, sondern Ashraf ist auch ein Biotop in der politischen Wüste, die wir heute haben.