StartUncategorizedStimmen aus der Todeszelle: Iranische politische Gefangene bitten Deutschland, ihnen zuzuhören

Stimmen aus der Todeszelle: Iranische politische Gefangene bitten Deutschland, ihnen zuzuhören

 

Sie schreiben aus Zellen, in denen jeder Morgen der letzte sein kann. Politische Gefangene aus 42 Gefängnissen in ganz Iran – elf von ihnen sind zum Tode verurteilt – haben ihre Namen unter eine gemeinsame Erklärung gesetzt. Wie real diese Bedrohung ist, haben sie mit eigenen Augen gesehen: Seit dem 19. März wurden 46 politische Gefangene hingerichtet – Mithäftlinge der Unterzeichnenden, die allein deshalb sterben mussten, weil sie der Opposition angehörten oder sich an der Organisation der Bürgerproteste im Januar 2026 beteiligt hatten. Jede dieser Unterschriften ist ein Wagnis: Wer sich aus Evin, Ghezel Hesar oder Vakilabad öffentlich zu Wort meldet, riskiert neue Verhöre, Isolationshaft und noch härtere Strafen. Dass sie es dennoch tun, zeigt, wie viel für sie auf dem Spiel steht.

Anlass ist die geplante Verleihung des Freiheitspreises der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit am 7. November in der Frankfurter Paulskirche – an jenem Ort, der wie kaum ein anderer in Deutschland für den Aufbruch zu Demokratie und Volkssouveränität steht. Dort soll Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, den Preis stellvertretend für das iranische Volk entgegennehmen. Für Menschen, die heute in den Kerkern der Islamischen Republik gefoltert werden und deren Familien schon unter der Monarchie Verfolgung, Haft und Tod erlitten haben, ist das keine bloß symbolische Geste. Es reißt Wunden auf, die nie verheilt sind.

Ihr Ruf dringt über die Gefängnismauern hinaus – an die deutsche Öffentlichkeit, an die Veranstalter und an alle, die Irans Freiheitsbewegung aufrichtig unterstützen wollen. Wer das iranische Volk ehren will, sollte zuerst jenen zuhören, die für seine Freiheit den höchsten Preis zahlen: mit ihrer Gesundheit, ihren Jahren hinter Gittern und womöglich mit ihrem Leben.

Erklärung von politischen Gefangenen

Ausdruck unserer tiefen Abscheu über die Verleihung des Freiheitspreises an Reza Pahlavi

Die Unterzeichnenden – darunter 11 zum Tode verurteilte Gefangene – sind u.a. in folgenden Gefängnissen inhaftiert: Evin (Männertrakt 7 und Frauentrakt), Fashafuyeh (Groß-Teheran), Ghezel Hesar, Sheiban, Fardis in Karaj, Lakan in Rascht, Adelabad in Schiras, Vakilabad in Maschhad, Zentralgefängnis Urmia, Zentralgefängnis Karaj, Hormozgan, Zentralgefängnis Chorramabad, Parsilon in Chorramabad, Zentralgefängnis Semnan, Fajr in Dezful, Neyschabur, Ghaemschahr, Gonbad-e Kavus, Saqqez, Iranschahr, Nur, Buyeh in Gorgan, Dieselabad in Kermanshah, Shahre Ray, Zentralgefängnis von Gorgan sowie Ziabar in Someh Sara.

Wortlaut der Erklärung (übersetzt vom persischen Original)                2. Nov. 2026

Die Verleihung des Freiheitspreises an den Sohn des Diktators Schah (Reza Pahlavi) – der Zwietracht in den Aufstand des iranischen Volkes trägt und im Ausland den berüchtigten Folter-Geheimdienst SAVAK wieder aufbaut – erfüllt die Freiheitskämpferinnen und Freiheitskämpfer sowie die Gefangenen, die für die Freiheit und für die Revolution des iranischen Volkes gegen Diktatur und monarchistischen Faschismus eingetreten sind, mit tiefer Verachtung und Abscheu. Für uns und für alle Gefangenen, Gefolterten und Freiheitsliebenden sowie für die Weggefährten und Angehörigen all jener, die unter der absoluten Monarchie des Schahs und seines Vaters hingerichtet wurden, ist dies wie ein blutiger Messerstich. Beide Herrscher kamen durch von Kolonialmächten unterstützte Staatsstreiche an die Macht.

Für uns ist dies eine Demütigung, die wir niemals vergessen werden, und ein Mit-Füßen-Treten aller weltweit anerkannten Standards von Demokratie und Menschenrechten. Die Wiederherstellung der monarchischen Diktatur und der Wiederaufbau des Folterapparats und des SAVAK des Schahs lassen in der Welt der Freiheit und Demokratie keinen Raum für moralische, menschliche und politische Integrität. Es geht um ein Regime, das nach Jahrzehnten der Unterdrückung durch den Aufstand und die Revolution des iranischen Volkes gestürzt wurde und dessen Folterspuren bis heute an den Körpern vieler politischer Gefangener jener Zeit sichtbar sind – so etwa an den ausgepeitschten Füßen von „Aziz“, der 97-jährigen Mutter der im Freiheitskampf getöteten Rezaei-Geschwister. Sie selbst war mehr als drei Jahre, ihre Tochter Fatemeh mehr als vier Jahre und ihr Sohn Abolghasem mehr als fünf Jahre in den Gefängnissen des Schahs inhaftiert. Aus dieser Familie verloren vier Menschen unter dem monarchistischen Faschismus und vier weitere unter dem religiösen Faschismus der Mullahs ihr Leben.

Wir alle wurden gefoltert, und einige von uns wissen wegen ihrer Todesurteile nicht, wie lange sie noch am Leben sein werden. Wir verurteilen die Preisverleihung an den Sohn des Schahs als einen Schandfleck, der sich gegen die Freiheit und Unabhängigkeit Irans richtet. Wir fordern eine demokratische Republik mit Trennung von Religion und Staat, Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie Autonomie für die (ethnischen) Nationalitäten im Iran.

Die Namen und Unterschriften der politischen Gefangenen werden dem Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte sowie internationalen Menschenrechtsorganisationen übermittelt.