Wednesday, November 30, 2022
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Iran: Alarmsignale – Hier müssen wir aufpassen!

Dr. Lorenz Wilkens, PfarrerDr. Lorenz Wilkens, Pfarrer, Historiker und Dozent an der FU-Berlin, hielt eine Rede auf dem Berliner Seminar "Humanitärer Schutz und Sicherung der Grundrechte für die iranischen Volksmojahedin in Ashraf-City". Dieses Seminar war vom Deutschen Solidaritätskomitee für einen Freien Iran organisiert und befasste sich mit der aktuellen Lage im Iran sowie mit der Rolle der iranischen Opposition.

Hier lesen Sie den vollständigen Redebeitrag von Dr. Wilkens:

"Meine Damen und Herren,

ich danke Ihnen zunächst für die Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich freue mich sehr darüber.

Ich bin Religionswissenschaftler und Deutscher. Und ich möchte zwei Bemerkungen machen: eine als Religionswissenschaftler und eine als Deutscher.

Es gibt natürlich im Nahen Orient und auch bei uns in Westeuropa die Suggestion, die Politik der Mullahs, die Politik des islamischen Fundamentalismus sei eine Konsequenz des Islam als solchen. Der Islam neige – anders als etwa das Christentum oder das Judentum – zur Durchsetzung seiner religiösen Ziele mit militärischen Mitteln. Diesem Eindruck möchte ich mit aller Entschiedenheit entgegentreten. Das ist meine erste Bemerkung.

Frau Holzhüter hat es auch schon angedeutet, auf die überwältigend meisten Strecken seiner Geschichte und auch der Regionen, in denen der Islam die dominante Religion war, ist der Islam eine ebenso friedliebende wie pragmatische Religion. Und zu diesem Pragmatismus gehört – für uns insbesondere interessant – auch das Prinzip der religiösen Toleranz.

Der Islam unterscheidet sich in dieser Hinsicht günstig vom Christentum, was besonders gezeigt werden kann mit Hinblick auf Spanien. Wie war das Schicksal der Juden vor der Reconquista in Spanien? Und wie war es nachher? Vertreibung durch die christlichen Rückeroberer.

Das Wort «Islam» heißt ‚Ergebung’, also ‚Frieden’ ähnlich dem hebräischen Wort «Shalom». Der Islamismus, wie wir ihn hier vielleicht nennen können, also der islamische Fundamentalismus, ist nicht die Fortsetzung der islamischen Tradition, sondern setzt einen enormen Traditionsbruch voraus. Der beginnt in allen islamischen Ländern, also nicht nur im Osmanischen Reich sondern natürlich auch in Persien. Der beginnt mit der Entwicklung des Kolonialismus und der zunehmenden Abhängigkeit dieser Regionen von Russland und von den europäischen Großmächten. Dieser Traditionsbruch und der Islamismus haben zum Fundament einen religiös-politischen Affekt: Sie werden verfremdet durch die westlichen Mächte, aber auch durch die europäische Säkularisierung. Wir müssen zu unserem Erbe zurückkehren. Wir müssen daran festhalten. Es ist ein reaktiver Affekt, in dem die Angst vor Entfremdung und Abhängigkeit von den Fremden das Vorherrschende ist.

Aber nicht der ganze Islam ist islamistisch. Und ich glaube, diese Bemerkung ist besonders wichtig mit Rücksicht auf den Konflikt, der hier heute Abend thematisch ist, nämlich der Konflikt zwischen dem iranischen Regime und den Volksmojahedin.

Die Freunde der Volksmojahedin, mit denen ich bisher gesprochen habe, bekannten sich alle zum Islam. Mir als Religionswissenschaftler war das auch verständlich. Sie bekannten sich eher zu dem traditionellen Islam, dem pragmatischen, dem egalitären Islam, dem toleranten Islam.

Der Traditionsbruch, den ich eben andeutete, betrifft vor allem das Rechtssystem.

Und das ist vielleicht in Deutschland viel zu wenig bekannt: Das islamische Rechtssystem ist kasuistisches Recht. Das heißt, wenn geschrieben steht, „bei Diebstahl Hand ab“, wird es nicht gemacht, sondern es wird durch den Prozess gefiltert. Es ist eine kasuistische Rechtsordnung.

Die geht bei diesem Traditionsbruch verloren. Und danach, wenn der Islamismus kommt, dann gibt es tatsächlich die plakative, eindeutige und darum für eine solche reaktive ressentimentgeladene Mentalität plausibel erscheinende Rechtsprechung. Wir brauchen nicht das schlechte Gewissen zu haben, wenn wir zum Beispiel die Volksmojahedin unterstützen, dass wir dann gegen die Sache des Islam als Religion sprechen. Das ist also die erste Bemerkung, die ich machen wollte.

Die zweite Bemerkung als Deutscher: Sie ist ganz untheoretisch. Ich bin Deutscher.

Ich habe die Bilder schon vor einigen Jahren gesehen, die ersten Bilder von Exekutionen im Iran. Es wird gesteinigt. Und es wird dann unterschieden: Wie groß darf der Stein sein? Es darf nicht zu schnell gehen. Der Stein darf nicht zu groß sein. Er darf aber auch nicht zu klein sein. es muss auch quälen. Diese Art von grausamem Kalkül hat mich sehr erschüttert. Oder die Exekutionen durch die Kräne, die heute Abend auch schon erwähnt wurden.

Das ist der erste von zwei Zügen, die mich an unsere eigene Vergangenheit erinnerten. Eine Willkürjustiz, die auf mögliche herstellbare Popularität von Grausamkeit setzt. Wir Deutsche haben das in unserer Geschichte. Wir sind hier zu ganz besonderer Wachsamkeit verpflichtet als Deutsche, mit Rücksicht auf unsere Geschichte. Es gibt also – denke ich – ein deutsches Motiv, sich für eine Demokratisierung im Iran einzusetzen.

Der zweite Zug, der mir auffiel und mich an unsere eigene Vergangenheit erinnerte, das waren die Pasdaran. Was sind das für Truppen? Paramilitärische Gruppierungen, also pseudo-spontane Gruppierungen, zusammengesetzt aus jungen Leuten, die mit den Justizbehörden zusammenarbeiten, und – nach meinen Eindrücken – eine Justiz praktizieren, die sich vor allem gegen die Frauen richtet. Das erinnert mich an die SA. Die SA, eine der tragenden Säulen des NS-Regimes, oder schon eine vor der Machtergreifung der NSDAP. Ähnliches Zusammenwirken zwischen angeblich spontanen Gruppen, also sozusagen der Verkörperung des spontanen Volkswillens, und dem Apparat, der sich etabliert. Das ist für Demokratie, für ein egalitäres Denken eine enorme Gefahr, weil es wirklich populär werden kann, bei uns enorm populär geworden ist. Der Nationalsozialismus war nicht die Sache einer kleinen Minderheit. Sondern es war tatsächlich eine Volksbewegung. Und es gab eben bei uns viel zu wenig Widerstand dagegen. Das ist gefährlich. Und das erinnerte mich. Da gingen die Alarmsignale in meinem Kopf an und ich sagte mir: Hier müssen wir aufpassen!

Der Iran ist nicht weit weg. Wenn die Türkei in die EU aufgenommen wird, ist ja der Iran Nachbarland der EU. Das ist wirklich unser egoistisches Motiv für uns Westeuropäer: Aufzupassen und wachsam zu sein!

Das sind meine beiden Bemerkungen.

Ich danke Ihnen."