Thursday, December 1, 2022
StartNachrichten24000 verwitwete Kinder im Iran

24000 verwitwete Kinder im Iran

Das gesetzliche Mindestalter für die Ehe  im Iran ist 13 für Mädchen und 15 für Jungen. Dennoch erlaubt es das Bürgerliche Recht, dass auch jüngere Kindern verheiratet werden, wenn Eltern und Gericht einverstanden sind.

Wegen des niedrigen Standes von Kultur und Wirtschaft werden besonders in den Dörfern Tausende von Kindern verheiratet, womit ihnen ein kostbarer Teil ihrer Kindheit verloren geht.

Masoume Aghapour-Alishahi, die Vertreterin der Frauen im Parlament, hat diesen Sachverhalt auf der Website Khane Melat angesprochen; in dieser Erörterung, die am 16. Mai veröffentlicht wurde, hat sie berichtet, dass es derzeit 24 000 verwitwete Kinder im Iran gibt, alle unter 18 Jahre alt.

Alishahi sieht in der Verarmung der Kultur und der wirtschaftlichen Verhältnisse in den Dörfern des Iran den Hauptgrund für Kinderehen, die zumeist mit einer Scheidung enden; sie erläutert: „Leider sind wegen des Fehlens von sekundären und tertiären Schulen in unseren Dörfern die Mädchen unfähig, ihre Ausbildung über die primäre Stufe hinaus fortzusetzen und infolgedessen werden sie von ihren Eltern gezwungen, sich zu verheiraten“.

Die höchsten Zahlen an Kinderehen (d.h. bei 10-15jährigen) gibt es jeweils in den Provinzen Razavi-Khorasan und Ost-Aserbeidschan.

Laut Alishahi hat sich die wirtschaftliche Situation in den Dörfern so sehr verschlimmert, dass manche Familien ihre „Töchter im Alter von 9-10 Jahren“ verheiraten, „um nur ein wenig Geld für ihre Grundbedürfnisse zu bekommen“.

Nach dem  Ablauf einiger Zeit von ihrer Ehe wird Druck auf diese Kinder ausgeübt, sich zu reproduzieren; damit werden die Mädchen schwanger, bevor ihre Pubertät sich voll ausgebildet hat und während  ihr Körper noch wächst. Die vorzeitige Schwangerschaft verursacht bei ihnen körperliche Probleme (etwa bei der Entbindung und beim Stillen) und ebenso psychische. Infolgedessen ist eine Abtreibung (die sie manchmal das Leben kostet) ein zunehmendes besorgniserregendes Vorkommnis bei diesen jungen Müttern.

Alishahi hebt dabei noch ein weiteres Problem hervor, mit dem es diese Kinder zu tun bekommen; sie berichtet, dass „Erwachsene diese Kinder zu ihrem eigenen sexuellen Vergnügen missbrauchen oder für andere unethische Zwecke benutzen wie Drogenschmuggel“.

In einer Episode einer populären iranischen TV Show, die zu den meist betrachteten in den letzten Jahren gehört, spricht einer der Schauspieler über einen Vorschlag an zwei kleine Mädchen  im Alter von 12 und 13; was auch in anderen Episoden dort eine Lachnummer ist.

Nach der Ausstrahlung dieser Show hat der Direktor des Komitees für den Schutz von Kinderrechten seine Meinung dazu in einem Interview in der Website Faravar geäußert;  er stellte fest, dass die Freigabe solcher Shows im Nationalen Fernsehen zeige, dass das Regime für Gewalt gegen Kinder werbe: „Während die Nationale Organisation für das Meldewesen über fast 13 000 verwitwete Kinder allein im Jahr 2015 berichtet, wirbt das Nationale Fernsehen für Gewalt gegen Kinder, indem es Kinderehen in populären Shows wie Paytakht deckt“.

Diese TV Show wurde von „Owj“, einer Mediengruppe unterstützt, die mit dem Corps der Revolutionsgarden in Zusammenhang steht und sich an verschiedenen Reklameaktionen beteiligt hat; zum Beispiel für die Installation von Reklametafeln, für die Produktion von Animationen für den Erwerb von Atomwaffen und die Durchführung von Aktivitäten gegen westliche Sanktionen.

Die Aktivisten für Kinderrechte glauben, dass die wirkliche Zahl von verheirateten Kindern viel höher ist als es in den Ehe-Registern des Iran erscheint; denn viele Kinder haben keine Geburtsurkunden und viele stehen auch in Zusammenhang mit Polygamie. Mit anderen Worten: es werden nicht alle Ehen richtig erfasst.

Said Peyvandi, ein Soziologe, der in Frankreich lebt, betrachtet Kinderehen als eine der größten Schäden, die die Gesellschaft bei ihren Kindern und Jugendlichen anrichten kann; er sieht in den Zahlen der letzten Jahre eine sehr ernste Sache für alle.

Laut Peyvandi ist es ein direkter Gewaltakt gegen diese besondere Altersgruppe,  wenn eine Gesellschaft  solche Ehen erlaubt; er ist davon überzeugt, dass soziale, intellektuelle und psychologische Reife etwas ist, was jedes Individuum unbedingt braucht, um richtige Entscheidungen für das persönliche und das soziale Leben zu treffen, und dass Kindern, die in einem so jungen Alter verheiratet werden, solche Eigenschaften fehlen werden und dass sie deshalb vor Herausforderungen stehen, die regelmäßig schädliche psychologische Folgen nach sich ziehen.

Viele dieser Kinder sind in finanziellen Angelegenheiten vollständig von ihren Ehemännern abhängig und fühlen sich aus diesem Grund lebenslang unsicher. Hinzukommt, dass die meisten von diesen Kindern mit Drogenabhängigen verheiratet sind und deshalb oft selbst in einer Sucht enden.

Aktivisten für Kinderrechte sprechen auch über den starken psychischen Druck, dem verwitwete Kinder (z.B. 12jährige Mädchen, die ihren Mann im Alter von 13 oder 14 verlieren oder sich von ihm trennen) ausgesetzt sind; manchmal enden Kinder bei dem Versuch, häuslicher Gewalt zu entgehen, bei anderen Arten von Gewalt.

Wie Said Peyvandi sagt, wird eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, ihrer künftigen Generation gute Lebensbedingungen zu schaffen, mit der Zeit sicherlich große Probleme bekommen. In solch einer Gesellschaft werden unfaire Kreisläufe nie enden, weil  eine Klasse immer benachteiligt ist und in Gewalt versinkt.