Thursday, December 1, 2022
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EDITORIAL: Die Freitagspredigt Khameneis zeigt, daß das iranische Regime sich am Rande des Zusammenbruchs befindet

In der gesamten vergangenen Woche war der Propaganda-Apparat des geistlichen Regimes des Iran damit beschäftigt, die erste Predigt Khameneis zum Freitagsgebet, die er – der Höchste Führer – seit acht Jahren gehalten hatte, ins Licht zu rücken. Die Propaganda des Regimes zielte auf internationales Ausmaß, indem sie den Eindruck hervorrief, Khamenei wende sich bedeutenden Angelegenheiten zu.

Dabei hatte Khamenei – der Propaganda des Regimes und der Erwartung der Presse entgegen – im Freitag nichts Bedeutendes zu sagen. Durch Wiederholung der üblichen Lügen versuchte er lediglich, den Eindruck zu erwecken, das Establishment stehe immer noch auf den Beinen. Es fragt sich nunmehr, warum Khamenei überhaupt am Freitagsgebet teilnahm und welches Ziel er damit verfolgte.

Während seiner Rede sprach er über „zwei ereignisreiche Wochen“ und enthüllte seine Furcht vor den Demonstrationen des iranischen Volkes und dessen Slogans. Während der vergangenen beiden Wochen war der Aufstand das bedeutendste Ereignis des Iran. Er war und ist der Ursprung aller Krisen des Regimes und lähmt es.

Nach der Eliminierung des Kommandeurs der Quds-Truppe Qassem Soleimani versuchte der gesamte Propaganda-Apparat des Regimes – so wie alle Diktaturen es tun -, mittels eines detaillierten Plans eine große Volksmenge zur Teilnahme an seiner Bestattung zu bewegen. Die Absicht des Plans bestand darin zu zeigen, daß das Regime sich immer noch der Unterstützung durch das Volk erfreut, um – auf der einen Seite – die Moral seiner Truppen zu stärken und – auf der anderen Seite – von der internationalen Gemeinschaft neu anerkannt zu werden. Doch in Reaktion auf den vom IRGC vorgenommenen Abschuß eines ukrainischen Passagierflugzeuges, bei dem 176 Passagiere den Tod fanden, ging das Volk auf die Straße und machte den Plan Khameneis zunichte. Es kam in vielen Städten des Iran zu Demonstrationen – mit dem Hauptslogan: „Tod für Khamenei!“ Auch zerrissen die Demonstranten Bilder von Qassem Soleimani. In seiner Rede ging Khamenei nicht auf den Slogan „Tod für Khamenei“ ein, bezog sich aber auf das Zerstören der Bilder Soleimanis; allein daran zeigt sich, daß sie an vielen Orten zerrissen worden waren.

Durch seine Teilnahme am Freitagsgebet, durch die er eine gewisse Menge des Volkes versammelte, wollte Khamenei seine Macht beweisen. Der Propaganda-Apparat des Regimes gab bekannt, man könne zu dem Gebet mit der Metro umsonst fahren, transportierte Menschen aus anderen Städten in Bussen und versuchte, auch durch andere Maßnahmen eine große Menge zu dem Freitagsgebet zu versammeln, doch die Fähigkeit des Regimes, viel Volk zu versammeln, war zerstört; zugleich bewies Khamenei mit seiner Rede, daß sich sein Regime am Rande des Zusammenbruchs befindet.

Die unabhängigen Beobachter schätzten die Zahl derer, die an dem Freitagsgebet dieser Woche teilnahmen, auf höchstens 45 000; daher wurden die regimefreundlichen Demonstrationen, die zuvor angekündigt worden waren, später gestrichen. Außerdem erwähnte Khamenei in seiner Rede einige Dinge, die an die Rede erinnerten, welche der Schah während seiner letzten Tage gehalten hatte.

Am 5. November 1978 sagte der Schah in einer Rede, die unter dem Titel „Hören auf die Stimme der Revolution“ bekannt ist, in dem er die Demonstranten als „hoffnungslose Jugendliche“ bezeichnete, die „von Leidenschaft und Gefühl getrieben“ würden: „Ich bitte die intellektuellen Anführer der Jugend, sich für den wichtigsten Weg zur Gründung wahrer Demokratie zu entscheiden – nämlich die Ermahnung der Jugend zu Ruhe und Ordnung. Ich rufe die iranischen Väter und Mütter, die sich gleich mir um die Zukunft des Iran und ihrer Kinder sorgen, auf, sie zu leiten, an der Teilnahme an Unruhe und Anarchie und daran zu hindern, sich selbst und ihr Land durch Leidenschaft und Emotion zu verletzen.“

In seiner Rede am 17. Januar 2020 wiederholte Khamenei die Äußerungen des Schahs, wenn auch in abgewandelter Form: „Einige folgen amerikanischen und britischen Medien darin, daß sie versuchen, dies betrübliche Ereignis (den Abschuß eines ukrainischen Flugzeugs durch das IRGC) in der Absicht zu mißbrauchen, das ruhmreiche Begräbnis und die harte Rache des IRGC vergessen zu machen. Natürlich sind einige jung und emotional, aber andere weigern sich, zu verstehen und sich an die nationalen Interessen zu halten.“

„Jung und emotional“ – das ist das Code-Wort, mit dem der Schah und Khamenei die freiheit-liebenden Demonstranten bezeichneten – dieselben, die skandierten: „Tod den Unterdrückern – sei es der Schah, sei es der Führer!“

Nach jener Rede war jedermann davon überzeugt, daß die Herrschaft des Schahs an ihr Ende gekommen war. Am 15. Dezember 1978 besuchte George Ball, Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates der USA und politischer Berater von Präsident Jimmy Carter, den Iran und schrieb einen Bericht zu dessen Lage, in dem es heißt: „Der Sturz des Schahs ist unvermeidlich.“ Und schon eine Weile zuvor hatten amerikanische Geheimdienste berichtet: Der Iran „befindet sich weder in einer revolutionären noch in einer vor-revolutionären Situation.“

Die Teilnahme Khameneis an den Freitagsgebeten bezeugt die Tatsache, daß der jüngste Aufstand der Studenten und des iranischen Volkes mit seinen Slogans das Regime ins Mark getroffen hat – Slogans wie diese: „So viele Jahre des Verbrechens – Tod dem Höchsten Führer!“ „Oberbefehlshaber, tritt zurück, tritt zurück!“ „Wir haben niemanden hergegeben, um Kompromisse zu schließen und den Führer zu loben!“ „Tod dem Diktator!“ „Khamenei ist ein Mörder, seine Herrschaft ist null und nichtig!“ Und: „Khamenei, höre auf uns, wir sind das Volk und keine Schurken!“ Khamenei hat die Slogans des Volks laut und deutlich gehört; sie zwangen ihn, aus seiner Höhle hervorzukommen. Er kam zu den Freitagsgebeten, um – wie der Schah – zu sagen, er „höre die Stimme der Revolution“; doch weil er ein Mullah und Heuchler ist, bedient er sich in seiner Antwort auf die Slogans der Demonstranten einer entgegengesetzten Sprache.

Ebenso wie die Herrschaft des Schahs, nachdem er „die Stimme der Revolution gehört“ hatte, nicht mehr lange dauerte, wird nach dieser lächerlichen Vorstellung auch die Diktatur Khameneis nicht mehr lange dauern. Das ist keine bloße Behauptung, sondern ein Gesetz in der Geschichte der Menschheit, das oft gewirkt hat.