Wednesday, February 8, 2023
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Ikone der Opposition: Iranisches Regime fälscht Nedas Todesvideo

NedaVon Daniel-Dylan Böhmer
Weltonline – Ihr Tod während einer Demonstration machte die Studentin Neda zur Ikone der Oppositionsbewegung. Seither bekämpft das Regime diesen Mythos. Regierungsstellen behaupteten erst, ein BBC-Reporter habe sie ermordet, dann war es die CIA. Jetzt heißt es, Neda sei Opfer eines Komplizen.

Das iranische Regime hat einen neuen Versuch gestartet, um den Mythos der Oppositions-Ikone Neda Agha Soltan zu bekämpfen. In einem nun im staatlichen iranischen Auslandssender „Press TV“ gezeigten Beitrag wird behauptet, der Tod der 27-Jährigen bei den Protesten im Juni, von dem massenhaft Videos im Internet verbreitet wurden, sei nur vorgetäuscht gewesen. Ein Werk von Oppositionellen und ausländischen Kräften.

Neda selbst habe sich an der Fälschung der Videos beteiligt, sei aber kurz danach von ihren Komplizen ermordet worden. Und natürlich kann das Staatsfernsehen Aufnahmen vorweisen, die den Betrug eindeutig zeigen – allerdings wirken die einigermaßen wackelig.

Zwei zufällig entstandene Handy-Videos von Nedas Tod hatten sich im Juni 2009 binnen Stunden im Internet und den weltweiten Medien verbreitet und die junge Frau zum Symbol für die Brutalität des Regimes und den Mut der jungen Demonstranten gemacht. Die Aufnahmen zeigen die auf dem Boden liegende Neda. Sie war am Rande einer Demonstration gegen Präsident Mahmud Ahmadinedschad von der Kugel eines Bassidsch, also eines Angehörigen der Schlägertrupps der Regierung, getroffen worden.

In zwei verschiedenen, unabhängig voneinander entstandenen Handy-Videos ist zu sehen, wie der Verletzten Neda Blut aus Mund und Nase schießt, wie ihr Musiklehrer Hamid Panahi und der zufällig anwesende Arzt Arash Hejazi versuchen, ihr zu helfen. Als das Blut austritt, merken beide, dass es zu spät ist. Anschließend wurde Neda in ein Krankenhaus gefahren, starb aber noch auf dem Weg dorthin.

Das Regime hat in der Folge mehrfach den Ablauf der Dinge ganz oder teilweise in Frage gestellt, allerdings mit immer wieder wechselnden eigenen Versionen.

Im Beitrag des Staatsfernsehens mit dem Titel „Wie starb Neda wirklich?“ werden die angeblichen Enthüllungen eines neuen iranischen Dokumentarfilms präsentiert. Darin werden die bekannten Videos in bearbeiteter Form gezeigt. Verlangsamt und vergrößert ist nun zu sehen, wie sich Neda eilig selbst Blut ins Gesicht schüttet.

Diese Bewegung und auch das Glasfläschchen, dass die Flüssigkeit enthalten soll, sind aber in den bisher bekannten Filmen nicht erkennbar. Und die Hand, die nach der Bearbeitung des iranischen Fernsehens die trügerische Flüssigkeit verschüttet, ist nicht nur sehr grob gepixelt, sie bewegt sich auch sonderbar unnatürlich. So unnatürlich, dass man auf die Idee kommen könnte, Irans Staatsjournalisten hätten sie fingiert.

Warum die arglistigen Fälscher aus dem Westen ihre Tat so unprofessionell begangen haben sollen, dass sie ihren Betrug selbst aufnahmen, erklärt der Beitrag nicht. Er behauptet lediglich, diesmal ohne Bildmaterial, die arme Neda sei anschließend im Auto von den Agenten erschossen worden, ihrem Musiklehrer und Doktor Hejazi – „betrügerisch und doch selbst betrogen“.

Der Arzt Arash Hejazi, der die ursprünglichen Videos ins Internet stellte und inzwischen im Exil in Großbritannien lebt, sagte im Interview mit dem amerikanischen Auslandssender Radio Liberty zu dem Beitrag: „Seit Nedas Tod hat die iranische Regierung alles getan, um sich von ihrer Tötung zu distanzieren und um die Verantwortung auf andere abzuwälzen, statt die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.“

Er wies darauf hin, dass er gar nicht in dem Auto saß, in dem Neda ins Krankenhaus gefahren wurde. „Die erste Reaktion der Behörden war, dass Neda noch lebe. Dann sagten sie, die Videos seien gefälscht. Eines Tages sagten sie, ein BBC-Reporter habe sie ermordet. Dann sagten sie, es sei die CIA gewesen und dann sagten sie, die Terroristen der Volksmudschaheddin steckten dahinter. Und jetzt kommen sie mit dieser Dokumentation.“

Auch Nedas Eltern haben schon in der Vergangenheit gegenüber dem britischen Sender BBC erklärt, ihre Tochter sei ein Opfer der Bassidsch. Anderslautende Behauptungen der Regierung seien falsch.

Zudem existiert offenbar ein Video von jenem Bassidschi, der den Schuss abgab. Darauf ist zu sehen, wie er von der Menge festgehalten wird und ruft: „Ich wollte sie doch nicht töten.“ Anwesende nahmen ihm seinen Personalausweis ab, bevor sie ihn gehen ließen. Er ist seitdem unter dem Namen Abbas Kargar Javid bekannt.

Die Figur Nedas ist offensichtlich noch immer heftig umkämpft. Ihr Grab wurde zur Wallfahrtsstätte junger Oppositioneller aber auch immer wieder Ziel von Attacken regimetreuer Aktivisten. Erst heute wurde bekannt, dass die Ruhestätte zum wiederholten Mal geschändet wurde. Unbekannte beschossen den Grabstein mit Patronen, obwohl das Grab rund um die Uhr von Regierungsbeamten bewacht wird.

(URL: http://www.welt.de/politik/ausland/article5781650/Iranisches-Regime-faelscht-Nedas-Todesvideo.html)