Thursday, December 1, 2022
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Interview mit Ajatollah Ganjei über 50 Jahren Kampf der PMOI um Freiheit im Iran

NWRI – Interview mit Ajatollah Jalal Ganjei, Vorsitzender des Komitees für die Freiheit der Religionen und Konfessionen im Nationalen Widerstandsrat Iran (NWRI), zum Anlaß des 50. Jahrestages der Volksmojahedin Iran (PMOI,

MEK, Mojahedin von Khalq): 

Frage: Wann haben sie das erste Mal über die PMOI etwas gehört? Wann haben sie den Namen der Organisation zum ersten Mal gehört und wer hat ihnen darüber erzählt?

Ajatollah Ganjei: Als 1971 Mitglieder der PMOI vom SAVAK, der Geheimpolizei des Schah, verhaftet wurden, hatte ich einen Freund, von dem ich damals nicht wusste, dass er ein PMOI Mitglied ist. Er informierte mich darüber, dass eine Gruppe junger Muslime gegen das Regime kämpft und dass einige von ihnen verhaftet wurden. Er nannte mir auch einige Namen, von denen ich den Ingenieur Nasser Sadeqh kannte. Doch ich kannte damals noch nicht den Namen „Volksmojahedin“, erst nachdem der erste Märtyrer der Organisation, Ahmad Rezai, von SAVAK Agenten umzingelt wurde und er nach einen Kampf vom SAVAK ermordet wurde. Wie er starb, machte mir deutlich, dass die PMOI Mitglieder anders sind, als diejenigen aus den früheren Generationen iranischer religiöser Kämpfer. Dann las ich das Buch „Hossein’s Weg“ und dort erfuhr ich über viel über die Gedanken der PMOI. Es gab mir viele Antworten auf meine Fragen. 

Frage: Wie war die Stimmung in den iranischen Seminaren und religiösen Zirkeln vor der Gründung und dem Wachsen der PMOI? Haben sie eine steigende Unterstützung für die PMOI in den Kreisen der Kleriker in den Seminaren vor und nach der Revolution 1979 feststellen können?

Ajatollah Ganjei: Die meisten dieser Zirkel waren nicht bereit, gegen den Schah zu kämpfen. Sie blieben still und schlugen versöhnliche Töne gegenüber dem Schahregime an. Nur sehr wenige Kleriker hatten einen Anteil an dem Kampf gegen den Schah und sie wanderten bald ins Gefängnis oder hatte keine neuen religiösen Ideologien oder neue Wege, außer nur die Gewalt und die Korruption im Pahlavi Regime aufzudecken. Doch nach dem Wachsen der PMOI und vor allem nachdem in Gerichtsprozessen und Veröffentlichungen die tapferen Verteidigungsreden der PMOI Gefangenen öffentlich wurden, nutzten viele Menschen – auch die Kleriker – die Möglichkeit, sich über die PMOI und seine sozio-ökonomischen Ziele und die Tiefe ihrer theoretischen und religiösen Mentalität zu informieren. Vor allem eine nicht unerhebliche Anzahl an jungen Klerikern begeisterte sich für die PMOI und viele höhere Geistliche standen in Kontakt mit ihr. Viele Kleriker, die später ebenfalls in die Gefängnisse wanderten, suchten dort den Kontakt mit der PMOI, was dort viel leichter möglich war. Stück für Stück wanderten einige der Werte und gar der Traditionen aus den Gefängnissen in die religiösen Schulen im ganzen Land. 

Frage: Wie sehen sie die Effekte der PMOI und seine tolerante und flexible Version des Islam in der iranischen politischen Stimmung, vor allem unter dem Gesichtspunkt ihres Verständnis vom Islam?

Ajatollah Ganjei: Selbst vor der Revolution 1979 war die PMOI in der Lage, eine Nachricht an die Gesellschaft zu senden und sie stand im kompletten Gegensatz zu den reaktionären religiösen Standpunkten und Ansichten. Sie war vor allem gegen die Versöhnungstendenzen hochrangiger Kleriker gegen den Schah und seine Anhänger gerichtet und sie fanden Unterstützung im sozial benachteiligten Volk und der Unterschicht der Gesellschaft, die immer schon zum hart arbeitenden Teil des Volkes zählte. Die PMOI unterstützte diejenigen, die ihrer wirtschaftlichen und sozialen Basisrechte beraubt waren und diejenigen, die von den anderen Teilen der Gesellschaft ausgebeutet wurde. Während der Revolution 1979 waren ihre unterschiedlichen Slogans und Politikrichtlinien sehr gut im Volk bekannt und das Volk lernte schnell, dass nichts anderes zum Ziel führt, als der komplette Sturz des Schah Regimes. 

Nach dem Sturz des Schah und den mehr und mehr durchdringenden Grundsätzen von Chomeni und seinem Regime wurde dem Volk deutlich, dass jetzt noch mehr Gruppen der PMOI folgen werden. Diese Entwicklung ging so weit, dass sie die zweitgrößte soziale Bewegung im Iran wurden und fast die Zahl der Anhänger von Chomeni und dem Mullahregime erreichten, dessen wahre Identität mehr und mehr vom iranischen Volk begriffen wurde. 

Frage: Sie kennen die Mentalität von Chomeni sehr gut. Chomeni gab mehrere Anweisungen heraus, die PMOI zu massakrieren. Bekam Chomeni seine Ansichten zur PMOI erst aus seiner politischen Arbeit nach 1979 oder war seine Sicht des Islam schon vor der Revolution 1979 anders als die der PMOI?

Ajatollah Ganjei: Jeder, der Chomeni’s Denkweise versteht, so viele alle anderen Marja (schiitische religiöse Führung) im Iran, weis, dass er einen Islam vertritt, der Rechte, soziale und intellektuelle Freiheiten verbietet und der verschiedene Arten von Grausamkeiten einsetzt und er nutzt die Scharia als Legitimation für Sklaverei, Feudalismuns und den Ausstoßen von ganzen Klassen aus der Gesellschaft und er hat frauenfeindliche Gedanken fest verankert. Am Ende war Chomeni schockiert über die Stärke, welche die PMOI schon lange vor der Revolution 1979 hatte. Daher geht sein Haß auf die PMOI schon weit vor der Revolution von 1979 zurück. Es war eine besessene und verklärte religiöse Feindschaft, die aus Chomeni’s reaktionärem Fanatismus her ruhte.  

Frage: Das iranische Regime ist die erste Theokratie in der modernen Geschichte und der erste Staat der Geschichte, der auf dem islamistischen Fundamentalismus basiert. Wenn die PMOI nie als muslimische Kraft existiert hätte, in welcher politischen und religiösen Situation wäre der Iran heute?

Ajatollah Ganjei: In einem solchen Szenario wäre der Iran im 4. Jahrzehnt eines Empire im ISIS-Stil, welches über die gesamte Region herrscht und die meisten Menschen würden Farsi sprechen und wären aus dem Iran von Khomeni entstanden. 

Frage: Gab es im letzten Jahrhundert ihrer Erfahrung nach eine Organisation, die ähnlich wie die PMOI eine islamische Perspektive aufwies oder soziale Wege zum Widerstand gegen einen Staat aufwies, der sich als Vertreter des Islam bezeichnete?

Ajatollah Ganjei: Die PMOI und ihre Ziele haben ihr Fundament eindeutig in der wahren Nachricht des Islam und sie basieren auf dem Prinzip der Logik und der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Sie fundieren auf einem wissenschaftlichen Ansatz der Evolution des Universums und sie gehen so weit, die Geburt und die Fortschritte der Menschlichkeit zu erklären. Diese Grundlagen haben viel Anklang im Volk und der heutigen Gesellschaft gefunden. Wenn wir hinzu ziehen, dass die PMOI diese Ansätze nicht nur öffentlich gemacht hat, sondern sie auch selbst lebt, dann bringt das ein Verständnis im Volk, was sie von anderen Gruppen und selbst von fortschrittlichen Glaubensansätzen unterscheidet. Doch wenn ich ihre Frage beantworten will, dann muss man erklären, dass die PMOI vor allem eine neue Generation organisierter Aktivisten entwickelt und der Welt präsentiert hat. Wenn wir schauen, was diese Generation tut und wie sie handelt, dann versteht man schnell, dass die PMOI Bewegung eine völlig neue und nicht parallele Bewegung zur Geschichte des Islam und auch zu der Geschichte der fortschrittlichen Bewegungen ist.