Am vergangenen Dienstag strahlte der iranische Zweig des Senders "Voice of America" ('Stimme Amerikas') ein Interview mit einem Bewohner des Lagers Ashraf aus, dessen Vater vor zwei Wochen vom iranischen Regime verhaftet worden war. Der Vater, Ali Mehrnia, 70 Jahre alt, war schon einmal während der 80er Jahre aus politischen Gründen inhaftiert. Er gehört jetzt zu den Dutzenden von Familien und Verwandten der Ashraf-Bewohner, die vom klerikalen Regime mit der Absicht, auf die Bewohner des Lagers Druck auszuüben, verhaftet worden sind.
Das Lager Ashraf, nordöstlich von Baghdad, ist seit mehr als zwei Jahrzehnten die Wohnstatt von etwa 3 400 Mitgliedern der wichtigsten iranischen Opposition, der "Organisation der Volksmojahedin des Iran (PMOI/MEK)".
Es folgt die Übersetzung von Auszügen aus dem vom VOA mit Majid Mehrnia geführten Interview.
VOA: Was wissen Sie über die Gründe der Verhaftung Ihres Vaters (Ali Mehrnia)? Wohin wurde er gebracht? Und was wissen Sie über seinen Zustand?
Mehrnia: Vor etwa zwei Wochen, kurz nach dem Aufstand des Ashura-Tages (des 27. Dezembers), stürmten (Agenten des iranischen Regimes) unser Haus in Teheran und nahmen meinen 70jährigen Vater fest; er ist Lehrer im Ruhestand. Sie brachten ihn an einen unbekannten Ort, ohne Angabe von Gründen. … Nach einer Weile begannen sie ein Verhör mit meiner Mutter und übten Druck auf sie aus, obwohl auch ihr Gesundheitszustand sich rapide verschlechterte. Meine Familie hat unzählige Male versucht, mit ihnen in Verbindung zu treten und sie in der Haft zu besuchen; wir haben bisher noch keine Antwort erhalten. Man sagte uns, wir hätten weitere Fragen zu unterlassen. …
Solche Verhaftungen werden mit inhaltlosen Phrasen wie "Schüren des Krieges gegen Gott" begründet. Während des gestrigen Schauprozesses in Teheran (am 18. Januar), der von Salavati geleitet wurde, wurde zu Unrecht behauptet, die Angeklagten seien von der PMOI im Irak und in europäischen Ländern ausgebildet worden. Während des so genannten Prozesses wurde vorgebracht, solange die PMOI nicht bis an die Wurzel ausgerottet worden sei, bleibe sie dem Artikel 186 des Islamischen Strafgesetzes unterworfen, demzufolge alle Mitglieder und Freunde der PMOI "Feinde Gottes" seien, selbst wenn sie nicht ihrem militärischen Flügel angehörten.
VOA: Gestern wurden (im staatlichen Fernsehen des Iran) Videos ausgestrahlt, in denen Angeklagte während des Prozesses zu sehen waren, denen Mitgliedschaft in der PMOI oder Freundschaft mit ihr vorgeworfen wird. Der Staat bezeichnet sie als "Monafeqin" ('Heuchler' – das Regime nennt so die PMOI). Haben Sie dabei Ihren Vater erkannt? War er unter den Angeklagten, die das Fernsehen zeigte?
Mehrnia: Man sah die Gesichter nur verschwommen; die Personen waren nicht zu erkennen. Namen wurden nicht genannt. Daher kann ich nicht sagen, ob sich mein Vater unter den Verhafteten befand. Das Problem liegt darin, daß ich überhaupt keine Ahnung habe, wohin sie meinen Vater gebracht haben und was sie ihm zur Last legen. Ein Rechtsbeistand ist nicht zu bekommen. Sie wissen, Begriffe wie Gericht, Rechtsbeistand, ordentliches Verfahren sind für dies Regime bedeutungslos. Es ist dem Gesetz und dem Islam vollkommen entfremdet. In dieser Hinsicht ist es überhaupt nicht ansprechbar.
VOA: Herr Mehrnia, ist Ihr Vater früher schon einmal verhaftet worden?
Mehrnia: Ja, mein Vater war einer der politischen Gefangenen der 80er Jahre; er wurde im Jahre 1987 wegen Unterstützung der PMOI verhaftet. Er hat ein Jahr im Evin-Gefängnis (in Teheran) verbracht; dort wurde er grausam gefoltert. Die Absicht des iranischen Regimes besteht darin, die Familien der Bewohner von Ashraf sowie die, die das Lager besucht haben, um ihre Freunde zu sehen, einzuschüchtern, zu verhaften und hinzurichten.
VOA: Ist Ihnen bekannt, wie viele Angehörige der Bewohner von Ashraf im Iran verhaftet wurden?
Mehrnia: Nach meiner Kenntnis sind bisher etwa 140 Verwandte von Ashraf-Bewohnern verhaftet worden. Ort und Zustand der meisten von ihnen sind unbekannt. Es ist nicht klar, was man ihnen vorwirft; Rechtsbeistand ist ausgeschlossen. Der Zweck dieser Verhaftungen nach all diesen Jahren, besonders nach dem Aufstand des Ashura-Tages, besteht einfach darin, Angst und Schrecken zu erzeugen, um den Aufstand des Volkes gegen das Regime zu beenden. Doch je mehr Verbrechen das Regime von dieser Art begeht, um so stärker wird die Entschlossenheit des iranischen Volkes, sich seine Freiheit zu erkämpfen.
