Saturday, December 3, 2022
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Die britische Regierung muss denen, die in Ashraf leben, helfen

„Die Geschichte des Mordes an meiner Tochter muß von den Familien der britischen und amerikanischen Truppen gehört werden“

The Telegraph – von Reza Haftbaradaran
Das Leben meiner Tochter endete am 9. April 2011 morgens um 5. 30 Uhr; sie war 29 Jahre alt. Die Geschichte, die zu dem schlimmsten Tag meines Lebens führte, muß von den Familien der britischen und amerikanischen Truppen gehört werden; viele von ihren Lieben haben auf irakischem Boden ihr Leben gegeben.

Saba wurde 1981 in einem iranischen Gefängnis geboren. Als Kind verbrachte sie viele Tage im Gefängnis an der Seite ihrer Eltern, die wegen der Forderung der Freiheit in Haft waren. Neben ihr schrien, ob sie schlief oder wach war, die politischen Gefangenen unter der Folter. Als wir endlich dem Iran entkommen waren, siedelten wir uns im Lager Ashraf an, einem Flüchtlingslager im Irak, der Wohnstätte von 3 400 iranischen Dissidenten, Mitgliedern der PMOI, die wegen Opposition gegen das Regime aus ihrer Heimat vertrieben worden waren.

Saba, die im Gefängnis geboren war und es mit zwei Jahren verließ, wurde einige Jahre später nach Deutschland geschickt, wo sie und ihre Schwester leben und zur Schule gehen konnten. Doch niemals verließen sie die Folterschreie ihrer Kindheit. Im Alter von 19 Jahren entschied sie sich, nach Ashraf zu kommen, um mit uns für Freiheit und Demokratie im Iran zu kämpfen.

Am 8. April 2011 um Mitternacht erzwangen 2 500 irakische Soldaten den Eintritt nach Ashraf und begannen, auf unbewaffnete Bewohner zu schießen und sie mit Humvees zu jagen. Als ich das Gemetzel an meinen Freunden und Kollegen sah, das sich vor meinen Augen ereignete, war mein Gedanke sofort, ich müsse Saba finden. Während ich sie unter den hunderten Verwundeten suchte, erzählte mir ein Arzt, sie sei angeschossen und in ein Krankenhaus gebracht worden. Erst als ich dort ankam, erkannte ich das Ausmaß ihrer Verletzungen. Sie war in der Hüfte angeschossen. Das Hüftbein war gebrochen, die Hauptader zerrissen. Dennoch war sie wach. Sie konnte mit mir sprechen. Ich erkannte sofort, daß ihr Leben durch adäquate Behandlung zu retten war. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß der irakische Premierminister Nuri al-Maliki, der das Massaker angeordnet hatte, nicht die Absicht hatte, die Opfer am Leben zu lassen.

Die über Ashraf verhängten medizinischen Beschränkungen und der daraus resultierende Mangel an Einrichtungen bedeuteten, daß Saba sofort in das Krankenhaus von Baquba verlegt werden mußte, das nur zwei Kilometer entfernt ist. Diese Reise, die normalerweise in fünf Minuten absolviert wird, kostete uns zwei Stunden. Siebenmal wurden wir vom irakischen Militär angehalten. Als ich ausrief, meine Tochter werde sterben, wenn sie nicht die Beschleunigung der Reise gestatteten, flüsterte einer der Soldaten seinem Kollegen ins Ohr: „Eben das wollen wir.“ Als ich diese schockierenden Worte hörte, wurde mir klar: Diese Reise war ein Foltertunnel, aus dem meine Tochter niemals mehr nach Hause zurückkehren würde.

Im Krankenhaus von Baquba hielten die vorsätzlichen, tödlichen Verzögerungen an; dort sagten mir die Ärzte, Saba müsse zu der notwendigen Operation nach Bagdad gebracht werden. Dann trat ein irakischer Offizier an mich heran und sagte mir: Wenn ich meinem Ideal der Demokratie im Iran abschwören und die PMOI denunzieren würde, so werde er Saba zu den besten Krankenhäusern in Europa bringen. Dieser Erpressungsversuch war brutal und machte mich krank. Die Ideale der Demokratie und Freiheit im Iran waren es, wofür meine Tochter stand und wofür sie nach Ashraf zurückgekommen war. Es sind auch die Ideale, für die junge britische und amerikanische Soldaten im Irak ihr Leben gegeben haben, einem weiteren Land, in dem die Grundfreiheiten in erschreckendem Maße fehlten. Saba würde mit dem mir offerierten Handel nicht einverstanden sein.

Am nächsten Tage endeten Sabas Schmerzen; sie starb an inneren Blutungen. Die schreckliche Erfahrung, die Saba und ich in der Hand der irakischen Offiziere und Krankenhäuser zu erdulden hatten, machte mir klar, daß al-Maliki und seine Offiziere offen den Plan verfolgen, auf Geheiß ihrer Verbündeten im iranischen Regime die medizinische Rettung lebensgefährlich Verwundeter zu verhindern.

Dieser Plan gilt immer noch; nach einem Monat haben Sabas Freunde in Ashraf tragischerweise immer noch zu leiden.

Ich möchte an die Angehörigen der tapferen britischen und amerikanischen Soldaten, die im Irak gestorben sind, eine Solidaritätsbotschaft senden. Britische und amerikanische Soldaten sind im Irak gestorben, um dem Volk des Irak (darunter Saba) das Privileg der Demokratie und der Herrschaft des Rechts zu ermöglichen. Sie haben nicht ihr Blut vergossen, um die Fortsetzung der Rechtlosigkeit zu gestatten.

Betrüblicherweise verletzt das Außenministerium des Vereinigten Königreiches durch sein Schweigen gegenwärtig die Ehre dieser Erinnerungen und untergräbt das, was die englischen und amerikanischen Soldaten geleistet haben, indem es Nuri al-Maliki erlaubt, Iraner auf irakischem Boden zu massakrieren, Iraner, deren einziges Ziel darin besteht, ihrer Heimat das zu bringen, wofür im Irak gekämpft wurde.

Ich fordere die britische Regierung auf, den Bewohnern Ashrafs jetzt zu helfen, indem sie an die Vereinten Nationen appelliert, den Schutz des Lagers Ashraf zu übernehmen. Sabas Tod und der Tod der britischen und amerikanischen Gefallenen dürfen nicht vergeblich sein.

Reza Haftbaradaran ist ein iranischer Filmemacher und Filmdirektor – er war als politischer Gefangener im Iran in Haft. Er lebt derzeit im Lager Ashraf in der Diyala-Provinz im Irak.