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FRAUENFUSSBALL: Iran sagt Spiel gegen Berliner Mannschaft in letzter Minute ab

Women's football in TehranVon Anne Haeming

Spiegel Online – Für den 1. Juni war ein Freundschaftsspiel zwischen iranischen und deutschen Kickerinnen im Berliner Katzbachstadion im Stadtteil Kreuzberg geplant. In letzter Sekunde wurde die Begegnung abgesagt – bitter vor allem für die Gastgeberinnen. (erschienen unter www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,)485959,00.html

Berlin – Sie haben über zwei Jahre auf diesen Tag hingearbeitet, seit kurzem wissen die Frauen vom Kreuzberger Verein BSV Aldersimspor: Es war alles umsonst. Morgen wollten sie in Berlin gegen die iranische Frauennationalmannschaft kicken. Es wäre das erste Spiel der iranischen Frauen im Westen seit Chomeinis Kulturrevolution 1979 gewesen. "Gestern um 22 Uhr abends kam die offizielle E-Mail vom iranischen Fußballverband", sagt Marlene Assmann, eine der Organisatorinnen. Sie sollten sich nicht weiter bemühen, die Begründung: "technische Probleme". Die deutsche Botschaft erklärt: "Die Visa wurden ausgehändigt."

"Wir sind total enttäuscht", sagt Marlene Assmann. Assmann ist Spielerin beim BSV Aldersimspor. Die Kickerinnen mit türkischem, deutschem, koreanischem, griechischem und tunesischem Hintergrund liegen auf dem fünften Tabellenplatz der Berliner Verbandsliga. Sie wussten von Anfang an: Es wäre nicht einfach ein Fußballmatch. Sie ahnten aber nicht, welche politischen Ausmaße ihr interkulturelles Abenteuer nehmen würde.

Marlene Assmann, eine 26-jährige Filmstudentin und ihre Zwillingsschwester Valerie, sind die treibenden Kräfte hinter dem Projekt. Zusammen mit ihrer Schwester Corinna und Friederike, einer Cousine, haben sie den Multikulti-Verein mitbegründet.

Nun sitzen sie im Haus des Fußballs, dem Sitz des Berliner Fußballverbands, ein Plakat an der Eingangstür fordert: "Gemeinsam gegen Rassismus". Die Spielerinnen tragen Schwarz. Sie müssen erklären, was sie nicht erklären können. Sie haben nur zwei Worte: "technische Probleme". Sie stochern im Nebel.

Ungünstiger Zeitpunkt

Fest steht: Sie hätten sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt aussuchen können für das Rückspiel, die erste Begegnung war vor einem guten Jahr in Teheran gewesen. In den vergangenen Wochen haben die Repressalien gegen Frauen in Iran zugenommen. Die alljährliche Kampagne der Sittenwächter zu Frühlingsbeginn sei in diesem Jahr schärfer als in den Vorjahren, kommentieren Exil-Iraner in Deutschland. Im Frühjahr, wenn es wärmer wird, achtet die iranische Polizei verstärkt darauf, dass die Frauen die offiziellen Bekleidungsvorschriften einhalten. "Die Mäntel, Kopftücher und Hosen werden von Jahr zu Jahr kürzer", meint Reza Sorki, Vorstand des iranischen Kulturvereins Dehkohda in Berlin. "Dieses Jahr hat die Sittenpolizei extra deswegen eine neue Abteilung gegründet."

Wer erwischt wird, Widerstand leistet, muss mit Gewalt rechnen. In der Regel werden die Frauen verhaftet. Erst Ende vergangener Woche forderte Maryam Rajavi, Präsidentin des Exilparlaments iranischer Oppositioneller, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon in einem offenen Brief auf, "die Gewaltwelle der Unterdrückung iranischer Frauen und Jugendlicher zu verurteilen". Ein Höhepunkt: Haleh Esfandiari, iranisch-stämmige US-Wissenschaftlerin, ist seit Mitte Mai in Iran in Haft. Die "Zeit" konstatierte knapp, die Islamische Republik habe "den Frauen den Krieg erklärt".

"Eigentlich wollten wir eines beweisen", sagt Marlene Assmann: "Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Frauen Fußball spielen." Noch vor ein paar Tagen hatte sie betont, dass es "dem iranischen Fußballverband wichtig war, dass es ein Rückspiel bei uns" gebe. "Die hatten eher Angst, dass wir das platzen lassen könnten." Doch das Projekt war von Anfang an ein Hindernislauf, beide Begegnungen mussten mehrfach wegen Visumsproblemen verschoben werden, die Pausen dazwischen waren für die Spielerinnen aufreibend wie das Warten in der Kabine zur Halbzeit. Im Februar 2007 endlich kam das definitive Okay vom Iranischen Fußballverband.

Mit kurzen Hosen in Berlin

Begonnen hat das Abenteuer bereits im Februar 2005. Marlene Assmann hatte sich damals für den Berlinale Talent Campus qualifiziert, mit dem Dreiminütiger "Der Weg ist das Spiel" über ihre Berliner "Multikulti-Mannschaft". Der iranische Regisseur Ayat Najafi war auch da, sein Kurzfilm handelte von Frauenfußball in Iran. Schnell stand der Plan, die beiden Mannschaften zusammenzubringen und einen richtigen Dokumentarfilm zu drehen. "Football Under Cover" ist der Arbeitstitel, im September wollten sie eigentlich mit dem Schnitt fertig sein. Auf Filmmaterial von den Iranerinnen in Berlin müssen sie jetzt vorerst verzichten.

Das Hinspiel am 28. April 2006 war das erste richtige Match der Iranerinnen überhaupt – für Fußballerinnen und Fans. Auf dem Feld die einen in Rot, die anderen in Weiß, die Haare mit speziellen Sportkopftüchern bedeckt. Auf den Tribünen nur Frauen, sie schrieen sich die Seele aus dem Leib. Die Normalität: Die Spielerinnen trainieren sonst nur in der Halle – ohne Zuschauer. Und weibliche Fans dürfen in Iran grundsätzlich nicht ins Stadion.

Exil-Iranerinnen hatten eine Demonstration angemeldet

"Mich überrascht die Absage nicht", sagt Nasrin Wassiri. Die iranische Frauenrechtlerin arbeitet als freie Journalistin beim RBB-Sender Radio Multikulti, vor 23 Jahren war sie aus Iran geflüchtet. Das mit den technischen Problemen hält nicht nur sie für eine Floskel. "Iran hatte Angst, dass Oppositionelle das Spiel nutzen, um gegen die iranische Regierung zu protestieren." In der Tat hatten Exil-Iranerinnen eine Demonstration angemeldet, um vor dem Anpfiff im Kreuzberger Katzbachstadion auf die aktuelle Situation der Frauen in Iran aufmerksam zu machen. Angemeldet sei eine Gruppe von 50 Personen, erklärt Silke Gülker, Sprecherin des Kreuzberger Frauenteams. "Sie hatten aber nicht vor, das Spiel zu stören", sagt Wassiri. "Die Frauen wollten danach auch ins Stadion und die Iranerinnen anfeuern."

Reza Sorki vom Kulturverein Dehkohda erklärt, er habe den Berliner Organisatorinnen schon vergangene Woche von seinen Befürchtungen erzählt. "Es gab viele Stimmen in Iran, die gegen das Spiel waren. Es ist der iranischen Regierung ein Dorn im Auge." Die Demonstration, vermutet Wassiri, sei aber eben nur ein Grund. "Die Berlinerinnen wollten ohne Kopftuch spielen, mit kurzen Hosen, und dann auch noch Männer ins Stadion lassen. Sie haben sich nicht reiflich überlegt, was das bedeutet." Sorki kommentiert, er fände das "vollkommen Ok", das seien eben "die deutschen Regeln". Die Bedingungen seien alle kommuniziert worden, erklärt Silke Gülker vom BSV Aldersimspor. "Seit Beginn der Planung wussten die Iraner davon, außerdem war ja klar, wo das Spiel stattfindet."

Das Problem mit der Fahne

Und dann das Problem mit der Fahne: Welche iranische dürfte ins Stadion? Die offizielle Staatsflagge der Islamischen Republik Iran trägt den Schriftzug "Allah" auf dem weißen Mittelstreifen. "Die gibt es aber auch mit dem Wort für Iran oder ganz ohne Schrift, manche haben da auch eine Friedenstaube", erklärt Marlene Assmann. Schon eine Friedenstaube hätte die iranische Botschaft als Affront empfunden. Es gab viel Druck, die vergangenen Wochen waren für die jungen Frauen ein diplomatischer Eiertanz. Die Iranerinnen wären vier Tage geblieben, genug Zeit, um sich abzusetzen, es durfte nichts schief gehen.

Jetzt ist es schon vorher schief gegangen. Warum, wissen sie nicht. Sie wissen nur, wer was wann gesagt hat. Die iranische Botschaft erklärt, sie hätte schon gestern Bescheid gewusst, gestern Abend erreichten die Kreuzbergerinnen erste Gerüchte. Die iranischen Spielerinnen schrieben in E-Mails, das Spiel sei nur eine Woche verschoben. Die Vizepräsidentin des iranischen Fußballverbands habe von vier bis sechs Wochen gesprochen, die Botschaft von zwei bis drei. "Es heißt immer: Es ist nicht abgesagt, nur verschoben", sagt Marlene Assmann. "Aber wir wissen eines sicher: Das Spiel findet nicht nächste Woche statt."

Nun geht es um Schadensbegrenzung. Sponsoren, Sicherheitsleute, Stadion, alles muss gecancelt werden. "Die ganze Zeit wollten wir, dass das Stadion möglichst voll wird", sagt Silke Gülker. "Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass morgen so wenig Leute wie möglich kommen." 2000 Tickets sind schon verkauft. "Heute Abend werden wir erst einmal zusammen trauern. Und uns überlegen, was wir morgen stattdessen machen."