Warum hat man seit dem Tag der Wahlen den Internet-Traffic reduziert?
Von Marco Dettweiler
FAZ- Der Kampf iranischer Oppositioneller gegen Ahmadineschad und seine Regierung wird im Internet mit Vehemenz fortgeführt. Auf den Straßen hat die Regierung den Protest zunächst niedergeschlagen, doch Mails, Tweets und Blogeinträge dringen weiterhin nach draußen, um der Welt zu zeigen, welches Unrecht geschieht. Videos und Bilder zeugen von der brutalen Gewalt des Regimes. Die iranische Regierung versucht mit allen Mitteln, die Wortmeldungen der subversiven Surfer zu drosseln und zu kontrollieren. Verantwortlich für die Internet-Infrastruktur ist der Staatsprovider „Data Communications of Iran“. Das Netz liegt fest in den Händen der Regierung. Am 12. Juni, dem Tag der Wahl in Iran, gab es einen mehrstündigen Kollaps des Datenverkehrs. Seither hat sich der Datenverkehr stark verringert. Das britische Unternehmen Arbor-Networks kann anhand einer Analyse belegen, dass nur etwa siebzig Prozent der zuvor verfügbaren Datenmenge zu messen sind, und liefert auch eine Begründung: „Während andere Länder wie etwa Burma im Jahr 2007 das Internet während der Proteste komplett abschalteten, geht Iran entscheidend anders vor.“ Iran habe „viele wirtschaftliche und technische Beziehungen zum Rest der Welt“. Die Regierung kann es sich nicht leisten, offline zu sein.
„Die Zensur-Infrastruktur in Iran ist technisch hochmodern“
Deshalb geht man anders gegen die Online-Oppositionellen vor. „Die Zensur-Infrastruktur in Iran ist technisch hochmodern“, sagt Joachim Posegga, Professor für IT-Sicherheit an der Universität Passau. Die Iraner seien mindestens so weit wie die Chinesen. Es sei denkbar, dass sie nach dem Internet-Blackout „neue Filtersoftware auf die Server gepackt haben“. Eine bestätigende Einschätzung kommt von der „Open Net Initiative“. Iran habe seit dem Jahr 2000 „eines der aufwendigsten technischen Filtersysteme der Welt installiert“. China exerziert, wie mit staatlicher Spionagesoftware der Informationsaustausch im Netz zu kontrollieren ist, auch wenn das Zensurprogramm namens „Grüner Damm“ ein Fehlschlag in jeder Hinsicht ist.
Die Zensoren arbeiten mit verschiedenen Verfahren: etwa mit „Black-“ und „Whitelists“. Die Bundesregierung will bei der Abwehr von Kinderpornographie mit der Methode schwarzer Listen arbeiten, wenn die Sperren nicht greifen. „Weiße Listen“ sind viel radikaler: Der Zugang zum Internet wird nahezu komplett gesperrt. Die wenigen Übergänge führen zu erlaubten ausländischen Seiten. Dieses Verfahren ist sehr wirksam. Bei Whitelists besteht allerdings auch die Gefahr, dass Firmen und Institutionen der Zugang zu wichtigen Websites abgeschnitten wird.
Üblich unter Zensoren ist die „Deep Packet Inspection“
Nicht nur diese strukturellen Probleme deuten daraufhin, dass die iranische Regierung – wie die chinesische – Filtermethoden einsetzt. „Skype ist seit zwei Wochen in Iran definitiv gesperrt“, sagt der IT-Experte Posegga. Die von dem Instant Messenger produzierten Daten können nur mit Filtersoftware herausgefischt werden. Üblich unter Zensoren ist die „Deep Packet Inspection“ (DPI).
In den Medien wird schon darüber spekuliert, wer Iran mit DPI-Technik versorgt. Das „Wall Street Journal“ berichtete, dass Nokia-Siemens-Networks Abhörtechnik geliefert habe. Das deutsche-finnische Unternehmen bestätigte dies zunächst, revidierte dann aber seine Aussage. Eine Sprecher teilte mit, dass es sich bei der gelieferten Technik, um Aufzeichnungsgeräte mit entsprechender Software handele, die nicht zur Kontrolle des Internets eingesetzt werden könne.
„IranElection“ ist ein leichtes Spiel
Bei solchen Filterverfahren könne man Datenpakete „nach gewissen Inhalten durchsuchen, um dann eventuell gewisse Verbindungen zu kappen“, sagt Anja Feldmann, Professorin für Intelligente Netzwerke an der TU Berlin. Die Zensoren haben somit bei der Durchsuchung von Twitterbeiträgen nach bestimmten Begriffen wie etwa „IranElection“ ein leichtes Spiel. Dennoch sperrt die iranische Regierung nicht einfach alle verdächtigen Twitterer, weil die Spitzel die Absender rebellischer Beiträge zurückverfolgen und somit direkt gegen die Menschen vorgehen können. Jeder Internetnutzer hinterlässt durch seine IP-Adresse eine eindeutige Spur im Internet. Mit Hilfe der gespeicherten Daten der staatlichen Provider können die Nutzer bis nach Hause verfolgt werden: bei verdächtigen Mails, Tweets, Blogs oder Websites.
Es gebe aber „genügend Hintertürchen, diese Verfolgung oder Sperrung zu umgehen“, sagt Joachim Posegga. Die Demonstranten seien vermutlich „intelligenter als die Zensoren“, die Verfolgten könnten bei diesem „Katz-und-Maus-Spiel“ die Nase vorne haben. An internetaffinen Leuten dürfte es nicht mangeln: Einer Erhebung aus dem Jahr 2008 zufolge nutzen rund 23 Millionen Iraner das Internet. Das ist jeder Dritte.
Computerkenner bieten „Aushilfsserver“ an
Jede Filtersoftware scheitert, wenn die Internetverbindung verschlüsselt ist. Hierzulande kennen Nutzer solche Verbindungen von Online-Banking und -Shopping. Bei derartiger Verschlüsselung sei „es nur möglich, in die Pakete zu schauen, wenn der Schlüssel bekannt ist“, sagt die Netzwerk-Expertin Anja Feldmann.
Die Oppositionellen in Iran nutzen auch sogenannte Proxyserver und Virtual-Private-Networks (VPN). Dabei sind sie auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Auf eigens eingerichteten Websites wie iran.whyweprotest.net bieten Computerkenner ihre Rechner schon als „Aushilfsserver“ an. Bei einem Proxyserver können die Nutzer in Iran die Filter und Sperren der Provider umgehen, indem sie direkt diese Miniserver im Ausland ansteuern.
Der Kampf im Internet in Iran wird mit komplexen technischen Waffen geführt. Dabei sollten die Demonstranten jedoch nicht die einfachen Mittel vergessen, um unentdeckt zu bleiben. Joachim Posegga rät den Oppositionellen, ihr Handy während der Demonstrationen abzuschalten. „Ansonsten tragen sie praktisch ein von weitem erkennbares Namensschild um den Hals.“ Ohne die Foto-Handys allerdings wären die Bilder von Ahmadineschads Totschlägern und ihren Opfern nicht in der Welt.
