Friday, February 3, 2023
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Das Leiden eines früheren iranischen Fußballers an der Weltmeisterschaft

Als einem früheren Mitglied der iranischen Fußball-Nationalmannschaft fällt es mir schwer, die Weltmeisterschaft mitzufeiern, denn sie erinnert mich an bittere persönliche Erfahrungen.

 

Von Hassan Nayeb-Agha

Für „McClatchy-Tribune“

Die Weltmeisterschaft, die diese Woche in Brasilien begann, ist das meistgesehene und beliebteste Sportereignis der Welt; es ist populärer als das Super Bowl (das Finale der US-amerikanischen American-Football-Profiliga National Football League (NFL)), die Olympischen Spiele und die etwas ironisch so genannte Weltserie.

Wie die meisten Iraner liebe ich die Weltmeisterschaft. Es ist eine Zeit, in der verschiedene Länder zusammenkommen, Groll vergessen wird und selbst Bürgerkriege eine Pause einlegen (ja, es ist tatsächlich geschehen). Zugleich fällt es mir als einem früheren Mitglied der iranischen Fußball-Nationalmannschaft schwer, sie mitzufeiern, denn sie erinnert mich an bittere persönliche Erfahrungen.

Erlauben Sie mir, dies zu erklären. 

Vor 36 Jahren hatte ich, ein junger Iraner mit großen Träumen, die Ehre, als Mittelfeldspieler in der ersten iranischen Fußballnationalmannschaft mitzuspielen, die sich je für die Weltmeisterschaft qualifizierte. Im Jahre 1978 reiste ich mit unverkennbarem Stolz nach Argentinien – als Iraner und als Sportler, dessen harte Arbeit und Training mich am Ende auf die größte Bühne der Welt gebracht hatte. 

Allein die Tatsache, daß die iranische Mannschaft zu den 16 Spitzenmannschaften der Welt gehörte und es damit zur Weltmeisterschaft geschafft hatte, war eine große Errungenschaft. Nur der Himmel war unsere Grenze. 

Obwohl wir das Turnier ohne Sieg verließen (wir hatten gegen Schottland zu spielen), war es ein großer Schritt nach vorn und eine Zeit, die ich nie vergessen werde. Die Zeiten änderten sich für den iranischen Fußball; damals wußte ich wenig, doch auch in der Heimat sollten sich die Dinge verändern. 

Nur wenige Monate nach der Weltmeisterschaft ereignete sich die Revolution; der Schah von Persien wurde gestürzt. Es war eine Zeit der Hoffnung; damals hofften wir, das Land werde sich zu einer Demokratie entwickeln, wirtschaftlichem Wachstum und Transparenz – Dingen, die bedeutender sein würden als die Weltmeisterschaft.

Doch mit der Etablierung der religiösen Diktatur durch Ayatollah Khomeini begann der Niedergang; der Fußball war hier keine Ausnahme.

Jetzt wird der Iran zum vierten Mal an der Weltmeisterschaft teilnehmen. (Die beiden anderen Male waren 1998 und 2006.) 

Ich fürchte aber, die Atmosphäre im iranischen Team wird sich sehr von der unterscheiden, die bestand, als meine Kameraden und ich die Uniform unseres Landes trugen. 

Das geistliche Regime hat es mit einer gänzlich entzauberten und unzufriedenen Bevölkerung zu tun – besonders in der jungen Generation; das Regime versucht, die Weltmeisterschaft als eines seiner Werkzeuge zu gebrauchen. Das Ziel des Regimes besteht darin, sich als Anwalt des Sports, der Sportler und der iranischen Nationalmannschaft zu gerieren. Damit hofft es, den wachsenden Widerwillen der Iraner zu beschwichtigen, vor allem der jungen Iraner. Die Handlungen des Regimes sind aber nur Scheinmanöver.

Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an einen iranischen Fußballhelden denken würde, meinen ehemaligen Kameraden Habib Khabiri. 

Er war der aufgehende Stern des Iran. Manche haben ihn mit Kobe Bryant von der NBA verglichen. Er wurde im Alter von nur 20 Jahren in die iranische Nationalmannschaft berufen. Er erzielte im Dezember 1977 während eines Qualifikationsspiels gegen Kuwait ein dramatisches Tor von 40 Yards Abstand.

Nach der Revolution des Jahres 1979, im Jahre 1980, wurde er Kapitän der iranischen Nationalmannschaft. Doch im Jahre 1983 wurde er vom geistlichen Regime wegen Unterstützung der „Organisation der Volksmojahedin des Iran (PMOI/MEK)“, der führenden iranischen Widerstandsbewegung, festgenommen. Er wurde mit 40 anderen Dissidenten im Juli 1984 hingerichtet. Er war erst 29 Jahre alt und wurde vor seiner Hinrichtung gefoltert. Seine Hinrichtung wurde niemals offiziell anerkannt. 

Tatsächlich sind iranische Sportler, darunter frühere Mitglieder der iranischen Nationalmannschaft (Dutzende von ihnen waren jahrelang meine Freunde) unter den 120 000 Menschen, die während der vergangenen dreißig Jahre wegen Unterstützung des iranischen Widerstandes und ihrer Bemühung um die Errichtung einer Demokratie mit Geltung der Menschenrechte hingerichtet wurden. 

Auch der iranische Sport und die Nationalmannschaft blieben vor dem ungezügelten Terror der Mullahs nicht verschont. 

Die iranische Nationalmannschaft repräsentiert das iranische Volk; dies Regime hat keinen Anspruch darauf. In Wirklichkeit wird alles, was die Iraner mobilisieren und einigen kann, von den Mullahs als Bedrohung angesehen. Hassan Rouhani, der neue angeblich gemäßigte Präsident der Mullahs, macht da keine Ausnahme. 

Diese Show einer Unterstützung des iranischen Teams bei der Weltmeisterschaft ist nur ein Schirm aus Rauch, zur Ablenkung der Aufmerksamkeit von den internationalen Problemen des Regimes und seiner Isolation im Lande. 

Das Regime hat die gewaltigen Ressourcen des Landes ausgeplündert – so daß sogar die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft sich restriktiven Maßnahmen ausgesetzt sah. Wegen Geldmangels wurde das Traininslager in armseligem Zustand belassen, mit Vorbereitungsspielen auf niedrigem Niveau. 

 

Ich werde mit Millionen Iranern im Lande und im Ausland zusehen, wie die iranische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Lateinamerika in diesem Monat spielt; ich werde sie mit großem Enthusiasmus begleiten. Doch wir alle wissen sehr wohl, daß vor der Etablierung der Demokratie im Iran dessen Sport-Teams diese große Nation nur sehr bedingt repräsentieren können.

Ich hoffe, daß ich nach einigen Jahren in der Lage sein werde, eine iranische Mannschaft begrüßen zu können, die in einem freien Iran an der Weltmeisterschaft wird teilnehmen können, einem Land, das das Zeitalter der Menschenrechte und der Demokratie erreicht hat. 

Hassan Nayeb-Agha ist ein in den USA ausgebildeter Soziologe. Er war im Jahre 1978 Mitglied der iranischen Fußball-Nationalmannschaft, die an der Weltmeisterschaft in Argentinien teilnahm. Er ist Mitglied der „Nationalen Widerstandsrates des Iran (NCRI)“, der Koalition iranischer Oppositionsgruppen.