Sunday, November 27, 2022
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Der irakische sunnitische Großmufti klagt Maliki des ‚Völkermords‘ in Anbar an

Scheich Al-Rifai betrachtet einen Dialog mit Maliki als ‚zwecklos‘ und fordert eine internationale Intervention. 

Brüsssel Asharq Al-Awsat (saudi-arabische Tageszeitung) —Sheich Rafi Al-Rifa’i, der sunnitische Großmufti des Irak wandte sich am Sonntag heftig gegen die irakische Regierung und bezeichnete einen Dialog mit Premierminister Nuri al-Maliki als „zwecklos“; er charakterisierte die Ereignisse in Falluja als „Völkermord“. 

 

Die Aussagen Rifa’is werden zu einem Zeitpunkt gemacht, wo irakische Militäreinheiten weitergemacht haben mit der Umzingelung von Fallujah in der Provinz Anbar, nachdem es im Januar von Aufständischen besetzt worden ist. Irakische Sicherheitskräfte hatten auch weitere Zusammenstöße mit Aufständischen in anderen Gebieten der Provinz. 

Die Situation in der Provinz bleibt chaotisch. Es gibt verschiedene Stammesgruppen, die sich mit der oder gegen die Regierung in Bagdad verbündet haben, die versucht, die Kontrolle über die Provinz mit sunnitischer Mehrheit zu bekommen. Dort fanden im vergangenen Jahr größere Proteste gegen die Regierung statt, weil bei der Regierung und den Sicherheitskräften eine konfessionelle Einseitigkeit gesehen wurde.

Was die Unruhe verschärft, ist, dass Mitglieder von djihadistischen Gruppen unter den Aufständischen sind, wie berichtet wird, darunter Mitglieder des Islamischen Staats von Irak und Syrien (ISIS). Das irakische Militär erklärte am Samstag einen Waffenstillstand für 72 Stunden in Falluja, der heute entsprechend zu Ende geht. 

Rifa’i beschuldigte die Regierung, „nicht fähig dazu zu sein, einen Dialog einzugehen, und nur zu wissen, wie man tötet, unterdrückt und vertreibt; sie kennt Unterdrückung in allen ihren Spielarten.“

Er meinte außerdem: „Wir haben niemals aufgehört, zu reden, aber jetzt bekämpft uns [die Regierung] in unserer Provinz, in der Provinz Anbar unter dem Vorwand, wir gehörten zu ISIS. Anbar war die Provinz, die gegen al-Kaida gekämpft hat und Maliki, seine Partei und seine Unterstützer haben keinerlei Rolle gespielt bei der Bekämpfung des Terrorismus in der Provinz. Jetzt bekämpfen sie die Bevölkerung in der Provinz, als ob sie zu den Terroristen gehören würde. Es ist jetzt an der internationalen Gemeinschaft, ihre Rolle zu spielen, weil sie es war, die uns diese schmutzigen Typen aufgenötigt hat, die uns in diese Entwicklung hineinmanövriert hat. Die internationale Gemeinschaft muss den Schaden beseitigen, den sie verursacht hat.“

Rifa’i war nach Brüssel gekommen, um an einer Konferenz über Menschenrechte im Irak teilzunehmen, die vom Europäischen Parlament einberufen worden ist. Er meinte, die konfessionellen Spannungen in Anbar seien von politischen Führern für eigene Zwecke geschürt worden.

In seiner Ansprache bei der Konferenz sagte Rifa’i: „Ich komme zu Ihnen aus einem Land, in dem Menschenrechte vollkommen ignoriert werden. Auf dem Boden von Falluja habe ich das Blut meines Bruders zurückgelassen, als es noch nicht getrocknet war, wo er zusammen mit drei Nachbarn vor den Augen ihrer Frauen und Kinder  in Stücke gerissen worden ist, ebenso wie Dutzende von Kindern, Frauen, alte Männer und Jugendliche, die kaltblütig bei einer willkürlichen Bombardierung getötet worden sind: diese war Teil der Strategie der Regierung in ihrem Krieg gegen das Volk [und ihre Gegner] unter dem Vorwand der Bekämpfung des Terrorismus.“

Er fügte hinzu: “Die irakische Regierung, vertreten vom Premierminister und Kommandeur der bewaffneten Kräfte, übt einen hasserfüllten Konfessionalismus aus, der zu einer exzessiven Gewalt gegen die irakische Bevölkerung gegriffen hat. Die Sunniten im Irak haben am meisten unter der Ungerechtigkeit dieser Regierung zu leiden gehabt.“ 

Rifa’i warnte, dass das, was heute in Fallujah und in anderen Bezirken von Anbar vor sich gehe, sei „ein Völkermord, in dem die gegenwärtige irakische Regierung alle Arten von schweren und mittleren Waffen einsetzt. Die irakische Regierung hat die Absicht, das Volk zu spalten, sie führt einen Bürgerkrieg, dessen Verlierer das irakische Volk ist.“

Zu Asharq Al-Awsat: meinte er: „Die Sunniten haben in dem Land 1400 Jahre lang geherrscht und was sagten die Schiiten? Sie sagten, sie hätten keine Rolle im Irak gespielt. Ich sage zu ihnen unter anderem, dass 70 Prozent der Mitglieder der Ba’ath Partei Schiiten waren und dass 37 der am meist gesuchten 55 [Mitglieder des vorherigen Regimes] Schiiten waren. Jedermann weiß, dass die Ba’ath Partei nicht sunnitisch war, sie regierte nicht im Namen der Sunniten.“

Als Antwort auf eine Frage, ob er mit den Bemerkungen in der Konferenz über das Leiden der Christen im Irak übereinstimme, sagte Rifa’i: „Selbstverständlich. Vor zwei Wochen erhielt ich den Besuch des neuen Patriarchen der levantinischen Kirche zugleich mit dem Botschafter des Vatikan und anderen christlichen Würdenträgern. … Sie wissen, dass wir uns um sie ebenso kümmern wie um uns selbst, weil die Religionen ein gemeinsames Schicksal haben … dieses Schicksal genügt, um uns zu Brüdern zu machen, die einander lieben und unterstützen, um das Elend von diesem Land abzuwenden.“ 

Der sunnitische Mufti sagte, der Irak benötige interne und externe Initiativen, um Lösungen  in der gegenwärtigen Situation zu finden, er persönlich unterstütze die internen Lösungen. 

Er deutete auch mit dem Finger des Tadels auf einige außerhalb des Landes. „Jedermann weiß, dass es externe Kräfte gibt, die ihre Pläne mit dem haben, was innerhalb des Irak vor sich geht, das heißt, wir brauchen interne und externe Lösungen … wir haben gefordert, dass die EU und die internationale Gemeinschaft ihre moralische und gesetzliche Pflicht tun, weil sie ein Teil der Ursachen sind, die den Irak in diese Entwicklung gebracht haben, sie müssen die Fehler, die sie gemacht haben, korrigieren.“

Außerdem meinte er: „Es gibt keine Probleme der Iraker untereinander, aber es gibt politische Gangs, die der Bevölkerung das Geld aus den Taschen ziehen, die ihr ihren Reichtum und ihre Würde abgenommen haben … der Ausweg besteht darin, mit diesen Gangs fertig zu werden. [Sie] kamen vorgeblich als politische  und religiöse Parteien, [aber] alles was wir dann bei ihnen feststellen mussten, war, dass sie keinerlei Verbindung zur Religion hatten.“