Wednesday, February 1, 2023
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Hartes Durchgreifen bei Frauen im Iran zur Durchsetzung des Kleidungskodex

Agenturen – Mit Beginn des Frühlings geht die Polizei wieder härter gegen Frauen vor, denen zur Last gelegt wird, dass sie sich nicht genügend verhüllen. Die Behörden erklärten am Montag, dass etwa 300 Frauen verhaftet wurden, weil ihre Mäntel zu hell waren oder unter ihrer Verschleierung zu viel Haar herausgeschaut hat.

Die Kampagne in den Straßen der größeren Städte war seit zwei Jahrzehnten die härteste Auseinandersetzung und ließ Befürchtungen wach werden, dass Mahmoud Ahmadinejad versuchen wird, die brutalen Beschränkungen der Zeit der islamischen Revolution für die Frauenkleidung wieder aufleben zu lassen, die sich im Laufe der Jahre abgeschwächt hatten.

Dieser Schritt beleuchtet die neue Dreistigkeit der Hardliner in Ahmadinejads Regierung, die den wachsenden westlichen Druck auf Teherans Nuklearprogramm und den Irak ausnutzen, um Dissens im Land zu fördern.

Das könnte jedoch einen Rückschlag zu einer Zeit erzeugen, wenn viele Iraner Ahmadinejad den fehlenden Aufschwung einer stagnierenden Wirtschaft oder das ausbleibende Anhalten der Preisspirale übel nehmen und ihn wegen der Isolation Irans durch seine aufwühlende Rhetorik anschuldigen. Mit den zwei Tage alten strikten Vorgehensweisen wurden bereits Moderate verärgert.

"Sie beleidigen wirklich, mit dem, was sie machen. Du kannst den Leuten nicht einfach vorschreiben, was sie anziehen sollen. Sie verstehen nicht, dass ihnen die Anwendung von Gewalt nur Hass einbringt, aber keine Liebe", sagte Elham Mohammadi, eine 23jährige Studentin.

Ihr Haar war zwar richtig verdeckt, die Farbe ihres Kopftuchs jedoch war weiß und orange – eine Verletzung des Kleidungskodex, der die Aufmerksamkeit der Polizei auf sie lenken könnte. Am Montag konnte beobachtet werden, wie die Polizei andere Frauen anhielt, weil sie zu viel Haar zeigten oder ihre Kopftücher zu farbenprächtig waren.

Die Lockerung des Kleidungskodex war eine der Überlebensstrategien in der Ära von Ahmadinejads Vorgänger, dem Reformisten Mohammad Khatamai, der von 1997 bis 2005 Präsident war.

In dieser Zeit, vernachlässigten einige Frauen, vor allem in den Städten, den nach der 1979er Revolution inkraft getretenen Kleidungskodex – komplett verhülltes Haar und schwere Mäntel oder den schwarzen bzw. grauen vom Kopf bis zu den Füßen reichenden Chador, um die Körperform zu verhüllen.

Jetzt ist es allgemein üblich, Frauen mit Kopftüchern – manche sowohl ziemlich klein als auch mit bunten Bändern – zu sehen, unter denen ihr Haar hervorquillt. Sie tragen auch kurze, farbenfreudige figurbetonende Jacken, die manchmal bis zum Knie gehen – oder sogar noch kürzer sind – und die Jeans darunter sehen lassen. Sogar in den letzten zwei Jahren unter Ahmadinejad zeigten sich Frauen in Hosen, die ähnlich wie Caprihosen die nackten Waden sehen lassen.

Mit mancher dieser Art von Mode könnte man sich bei der gegewärtigen, am Samstag begonnenen Woge Verwarnungen oder Festnahmen durch die Sittenpolizei einhandeln.

Sittenpolizei — viele von ihnen sind Frauen — hielt Frauen auf den Straßen der Hauptstadt und in anderen Städten an, wenn sie der Meinung waren, dass ihre Kleidung "unislamisch" sei.

Bisher wurden 278 Frauen festgenommen. 231 wurden freigelassen, nachdem sie dafür unterschrieben hatten, dass sie sich in der "Öffentlichkeit nicht mehr unangebracht angezogen erscheinen" würden, äußerte der Polizeisprecher Col. Mahi Ahmadi am Montag einer Presseagentur gegenüber.

Weitere 3.548 erhielten "Verwarnungen und islamische Belehrungen", ohne dass sie verhaftet worden seien, erklärte Ahmadi.

12 Männer wurden ebenfalls verhaftet, weil "sie den ordentlichen islamischen Kleidungskodex nicht beachtet hatten" und dünne Hosen bzw. kurzärmelige Shirts trugen, fügte er hinzu.

Jedes Jahr im Frühjahr fordern Kleriker eine solche Kontrolle. In den letzten beiden Jahren wurde Minderjährige gesehen, die örtlich bedingt aufgegriffen wurden. In diesem Jahr jedoch, gab es das erste Mal wieder so viele Verhaftungen wie vor der Präsidentschaftszeit Khatamis. Und die Prominenz warnte warnte in den regierungstreuen Medien Frauen davor, den islamischen Kleidercodex nicht zu berücksichtigen.

Ahmadi sagte, dass die Säuberungsaktion "so lange wie notwendig" durchgeführt würde. Allerdings wurde nicht klar, ob damit eine allgemeine, ständige Kampagne eingeleitet wurde, um eine Lockerung des Kleidungskodex zu verhindern.

Einer der Hardliner unter den Klerikern, der Chef der Justiz, Ayatollah Mahmoud Hashemi Schahroudi warnte am Montag nach Informationen der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA vor einem Rückschlag: "In vielen Fällen kann die Anwendung von Gewalt im Kampf gegen soziale Missstände Gegenreaktionen hervorrufen".

Viele Konservative begrüßten die Kontrollen jedoch, nach einem Aufruf von religiösen Hardlinern aus der Heiligen Stadt Qom zum Anziehen der Zügel.

"Alle sind verantwortlich im Zusammenhang mit unangebrachter Bekleidung", erklärte Ayatollah Nasser Makarem Shirazi, ein höherer Kleriker aus Qom, den Zeitungen gegenüber.

Mostafa Pourmohammadi, der für die Kampagne zuständige Innenminister, sagte, dass es den Leuten gefallen würde, wenn die soziale Stabilität wieder hergestellt wird.

"Die Menschen sind mit dem sozialen und dem moralischen Zustand der Gesellschaft unzufrieden. Sie erwarten, dass gegen die soziale Unsicherheit ordnungsgemäß gekämpft wird", so das Zitat von Pourmohammadi in der konservativen Zeitung Resalat.

Der Hardliner Gesetzemacher, Mohammad Taqi Rahbar, sagte, dass die Lockerung des Kleidungskodex iranische Frauen und Familien nach "Hilfe schreien ließ". Die Männer sehen Models auf den Straßen und vergessen zu Hause ihre eigenen Frauen. Das schwächt die Grundpfeiler der Familie", sagte er.

Seit Ahmadinejad 2005 die Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, befürchteten Iraner die Rückkher zum Verbot von "unislamischer" Bekleidung, Musik, Zusammenseins von männlichen und weiblichen Personen und anderen Restriktionen aus der Blütezeit der Revolution. 

Die Kritik am Präsidenten nahm jedoch zu, als die Preise für den Lebensunterhalt, wie Lebensmittel und Wohnung, trotz seines Wahlversprechens, die Armut zu reduzieren, in den letzten Monaten anstiegen.

"Die Probleme unseres Landes sind Arbeitslosigkeit, schnelle Zunahme von Verbrechen und Morden, nicht die Bekleidung von Frauen", sagte Sadeq Rowshani, ein Bankangestellter.