Ein Überlebender des iranischen Massakers an politischen Gefangenen (1988) hat sich in einem op-ed für „National Post“ geäußert.
Mostafa Naderi zeigte sich erleichtert darüber, daß die kanadisch-iranische Akademikerin Homa Hoodfar aus dem Evin-Gefängnis entlassen wurde; wenn irgendjemand weiß, was sie durchgemacht hat, ist er es.
Naderi hat im Iran 11 Jahre Haft verbüßt. Er wurde 1981 im Alter von 17 Jahren wegen politischen Andersdenkens und Eintretens für die Menschenrechte verhaftet. Man hatte ihn dabei ertappt, daß er die Publikation der Hauptopposition, der „Organisation der Volksmojahedin des Iran (PMOI/MEK)“, verkaufte.
Er schreibt: „Ich wurde in einer entscheidenden Zeit verhaftet. Wäre es nicht zu einer Reihe günstiger Vorfälle gekommen, so wäre ich gewiß zu einem der 30 000 Opfer des 1988 an politischen Gefangenen verübten Massakers geworden.“
5 ½ Jahre verbrachte er in Einzelhaft, 6 Jahre in einem Gefängnis im Norden von Teheran. Während dieser ganzen Zeit erlitt er grausame Folter; z. B. wurden seine Fußsohlen ausgepeitscht, bis er bewußtlos wurde.
Doch eben dies mag sein Leben gerettet haben, denn alle Mitgefangenen seiner Abteilung wurden hingerichtet, während er im Krankenhaus lag.
Er berichtet: „Ayatollah Ruhollah Khomeini hatte eine Fatwa erlassen, in der er das Massaker an politischen Gefangenen befahl, besonders an den Freunden der MEK. Alle Insassen der 60 Zellen meiner Abteilung waren hingerichtet worden. Niemand war verschont worden – nicht einer.“
Denen, die gegen das drakonische Regime opponierten, wurde „Schüren zum Krieg gegen Gott“ vorgeworfen, eine vage Anschuldigung, von der das Regime auch heute noch Gebrauch macht, um jene zu bestrafen, die es wagen, anderer Meinung zu sein.
Naderi schreibt: „Im Jahre 1988 diente diese Anschuldigung als Vorwand, um die Gefängnisse des Iran in Schlachthäuser zu verwandeln. Die Häftlinge wurden zusammengetrieben und erhängt – in Gruppen von sechs Personen. Die Leichen wurden nachts in Fleischtransportern zu Massengräbern gebracht. Die Gefängnisbehörden arbeiteten mit einer so grausigen Effizienz, daß in manchen Nächten 400 Personen hingerichtet wurden.“
In der zweiten Hälfte des Jahres 1988 waren es ungefähr
30 000 politische Gefangene, die abgeschlachtet und in Massengräbern bestattet wurden.
Nach seiner Entlassung im Jahre 1991 floh Naderi aus dem Land; seitdem ist er mit dem Versuch beschäftigt, den Opfern des Massakers Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Er schreibt: „Wohlgemerkt: Die internationale Gemeinschaft weiß schon seit einiger Zeit von diesem Verbrechen. In den zurückliegenden Jahren wurde es von Menschenrechts-organisationen, darunter Amnesty International, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Nach Geoffrey Robertson, einem einstigen Richter am Sondergericht der Vereinten Nationen für Sierra Leone, war das Blutbad von 1988 die größte Massenhinrichtung von Häftlingen seit dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch kam es niemals zu einer internationalen Ermittlung des Komplexes; die Erfinder dieses abscheulichen Verbrechens blieben unbestraft – ebenso wie jene, die es ausführten.“
Im August kam eine Tonbandaufnahme von einer Sitzung des Todeskomitees ans Licht, in der Ayatollah Hossein-Ali Montazeri, der als Nachfolger des Höchsten Führer vorgesehen war, dessen Mitglieder wegen ihrer Mitwirkung an dem „größten Verbrechen der Islamischen Republik“ verurteilte. Damit wird nicht nur bewiesen, daß dies Verbrechen – den Lügen des Regimes entgegen – wirklich stattgefunden hat, sondern auch, daß die Verantwortlichen – ein Verstoß gegen die Gesetze selbst des Regimes – sogar Jugendliche und schwangere Frauen hingerichtet haben.
Montazeri wurde darnach seine Würde entzogen; er wurde unter Hausarrest gestellt – ein erschreckender Gegensatz zu den unbußfertigen Mitgliedern der Todeskommission, die man auf dem Tonband hören kann; drei von ihnen bekleiden noch heute im Iran hohe Positionen. Mostafa Pourmohammadi, der gegenwärtige Justizminister, hatte die Stirn zu behaupten, er sei auf seine Verbrechen stolz; er behauptete, sie hätten dem Willen Gottes entsprochen.
Naderi schreibt: „Es spricht sehr für Kanada, daß es in den letzten zehn Jahren zu einer führenden Stimme für die Menschenrechte im Iran geworden ist. Für die internationale Gemeinschaft einschließlich Kanada wird es Zeit, die Täter dieses Massaker endlich vor Gericht zu stellen. Eine Ermittlung seitens der UNO und die Bildung einer Ermittlungsgruppe wäre der erste Schritt; er ist seit langem überfällig.“
