Sunday, November 27, 2022
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Iran: Schwere Proteste gegen die Regierung in der Bakhtiari Region

Rohanis „Reformen“ erreichen das iranische Volk / Die Nomadenstämme läuten die Warnglocke

In iranischen Städten brachen nach einer Sendung des staatlichen Fernsehens, in der die iranische Bakhtiari-Gemeinde beleidigt wurde, Proteste aus. 

 

Während im Westen renommierte Stiftungen den iranischen Außenminister bei Gastauftritten mit Beifall empfangen, im ARD-Mittagsmagazin debattiert wird, ob die deutsche Wirtschaft im Iran nach dem möglichen Ende der Sanktionen nicht zu zögerlich ist, und während iranische Vertreter auf der Sicherheitskonferenz in München hofiert werden, wartet das iranische Volk immer noch auf die groß angekündigten Reformen des neuen iranischen Präsidenten Hassan Rohani. Doch zunächst geht es in nie da gewesener Form in der Öffentlichkeit und in den Gefängnissen des Landes an die Galgen. 

Doch nun hat sich die Wut über das neue Regime in der Region Bakhtiari zum ersten Mal entladen. Es kam zu massiven Ausschreitungen und Protesten an mehreren Orten des Landes. Die Bachtiaren sind eine Volksgruppe in Südwesten des Iran. Ihre Zahl wird auf 600.000 Menschen geschätzt. Sie besitzen einen starken Zusammen¬halt und haben sich in der iranischen Geschichte bereits mehrfach gegen Unterdrückung zur Wehr gesetzt. In den Protesten wurde lautstark „Nieder mit Khamenei“ (oberster geistlicher Führer des iranischen Regimes) und „Nieder mit Rohani“ skandiert und dabei kein Zweifel daran gelassen, gegen wen sich das iranische Volk wehrt und von wem die Bachtiaren die Nase voll haben. 

Auslöser der Proteste war eine Fernsehserie, die der staatliche Sender IRIB ausstrahlte. In dieser Sendung wurde die iranische Bakhtiari-Gemeinde beleidigt und als anti-iranisch dargestellt. Dabei wurden viele historische Fakten auf Kopf gestellt. Die iranische Bakhtiari-Gemeinde hat im Kampf gegen Kolonialisten und Diktaturen im Iran immer eine wichtige und entscheidende Rolle gespielt, besonders nach der konstitutionellen Revolution von 1907. 

Dieser Protest entlädt sich nicht mit kleinen Demonstrationen und ist nicht auf ein paar Straßen oder Plätze begrenzt. Vielmehr wird bereits seit dem 13. Februar in der ganzen Bakhtiari-Region demonstriert und es finden teils massive Straßenschlachten mit den iranischen Sicherheitskräften statt. Dabei konzentrieren sich die Ereignisse auf Gebäude des staatlichen Fernsehsenders IRIB in verschiedenen Städten. In Stadt Dezful (Südwestiran) strömten Tausende Demonstranten auf die Straßen und es kam zu gewalttätigen Auseinander¬setzungen mit iranischen Sicherheitskräften. Zahlreiche Menschen wurden verletzt, eine Gasstation und eine Bank wurden in Brand gesetzt. Bereits am 13. Februar wurden bei Protesten mindestens 30 Jugendliche festgenommen. Am 14. Februar besetzten Demonstranten über mehrere Stunden eine Hauptstraße, 70 Menschen wurden verhaftet. 

In Koyeh Modares fanden vor dem Büro des Gouverneurs schwere Zusammenstöße zwischen wütenden Protestierenden und iranischen Sicherheitskräften statt. Es fielen Warnschüsse, Tränengas wurde in die Menge geschossen. In der iranischen Stadt Ahvaz kam es nach einem diffamierenden Bericht des staatlichen TV über die Proteste in der Region erneut zu schweren Ausschreitungen. Wütende Bürger versammelten sich vor dem Büro des Senders und forderten die Absetzung des Sendeleiters. In der Stadt Andimeshk hielten über 2000 Protestierende in den Hauptstraßen Kundgebungen ab. Aufgebrachte Demonstranten zerbrachen Fenster von Banken und Gebäuden, die zu den iranischen Sicherheitskräften gehören. Sie beschädigten auch Fahrzeuge der Regierungsorgane. 

Auch die arabischen Stämme in der südlichen Provinz Khusestan, in den Städten Shadgan, Sosangerd, Howeyzeh, Abdolkhan und Dasht-Abbas, ebenso wie die Stämme um Zargani schlossen sich den Protesten ihrer Landsleute in der Bakhtiari-Gemeinde an und drückten ihre Solidarität aus. Auch in der Stadt Farsan in der Provinz Chaharmahal und Bakhtiari versammelten sich am selben Tag Bakhtiari-Lor-Patrioten auf dem Imam-Ali-Platz und äußerten ihren Zorn über die Angriffe der Regierung auf die Bakhtiaris. Die Proteste hielten auch zu Beginn der Woche an. Informationen über die Proteste und aktuelle Entwicklungen finden sich auf der Webseite des Nationalen Widerstandsrates Iran (NWRI), der stets intensive Kontakte zu Iranern vor Ort pflegt und deren Berichte zusammen trägt. 

Vermehrte Hinrichtungen zeitgleich mit den Bürgerprotesten

Die Reaktion des Regimes ist deutlich mehr Härte. Es hat Angst vor der Ausweitung des Aufstands. So sind seit dem Beginn der Proteste der Volksgruppe Bakhtiari innerhalb von sechs Tagen 31 Gefangene landesweit hingerichtet worden. Damit steigt die Zahl der vollstreckten Hinrichtungen seit Anfang dieses Jahres auf 131. Der Staatsanwalt von der noriranischen Stadt Noshahr kommentiert: “Das muss eine Lektion an alle Gleichgesinnten sein”.

Die Oppositionsführerin Maryam Rajavi äußerte sich ebenfalls zu den Demonstrationen. In einer Stellungnahme rief sie die Iraner – vor allem die Jugend des Landes – auf, die Proteste der Bachtiaren zu unterstützen, und wies noch einmal darauf hin, dass die zentrale Forderung bei den Protesten das Ende der religiösen Diktatur ist.