Wednesday, November 30, 2022
StartNachrichtenIran: Wirtschaftskrisen senken Geduldsfaden der Gesellschaft

Iran: Wirtschaftskrisen senken Geduldsfaden der Gesellschaft

Von Amir Taghati

Die iranischen Krisen im Bereich der Wirtschaft und im sozialen Leben steigen jeden Tag. Es ist ein Phänomen, was die Regimemedien als „geringer Geduldsfaden“ in der Gesellschaft beschreiben.

„Der iranische soziale Geduldsfaden ist aufgrund mehrerer Gründe dünn geworden und es ist ein ernstes Problem. Wir sehen jeden Tag Menschen, die harsche und übertriebene Reaktionen selbst bei unwichtigen Ereignissen zeigen und sie sehen darin sofort, dass ihre Rechte verletzt wurden. Das heutige Leben in der Stadt hat sich sehr verändert. Die Menschen stehen heute unter verschiedenen Arten des Drucks und vor allem die wirtschaftlichen Probleme sind hoch. Doch es gibt auch andere soziale Restriktionen, mit denen die Menschen umgehen müssen.“ (Staatliche Webseite Salamatnews, 23. Mai 2018).

Was nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass sich hinter dem Begriff „reduzierter sozialer Geduldsfaden“ der Haß und der Unmut gegen das gesamte Regime verbirgt. Die staatlichen Medien versuchen zur Zeit, das Volk vom wahren Problem abzulenken. Das wahre Problem ist das Regime und seine Politik und die Reduktion der Toleranz basiert auf Dingen wie massives Mismanagement und eine Politik, die am Volk vorbei geht.

Die staatliche Webseite Salamatnews führt weiter aus, in welch gefährlichem Status die iranische Gesellschaft ist. Es heißt:“ Es gibt eine ständige Flut von unglücklichen und bitteren Nachrichten, die man jeden Morgen liest und sie nehmen jedes Gefühl von Freude und Glück, egal wie optimistisch man ist. Heute sind es die Nachrichten über die hohe Arbeitslosenrate, morgen die Statistik der Armutsrate, dann die wirtschaftliche Stagnation, die sinkende Kaufkraft oder Fälle von wirtschaftlicher Korruption oder man zeigt, wie Straßenhändler in Teheran oder anderen Städten geschlagen werden. Es geht um Probleme im Immobilienmarkt und die Steigerung von Preisen usw. Diese Nachrichten deprimieren das iranische Volk und so ist es kein Wunder, dass der Iran nach dem Irak auf Platz 2 der unglücklichsten Länder steht.“

Dazu gehört auch die stetig steigende Kluft zwischen dem Volk und dem Regime. Die staatliche Ghanoon Zeitung schreibt dazu am 23. Mai 2018 über einen Fall, wo eine Person nach einer Strafe von der Verkehrspolizei auf der Kreuzung Jahankoodak in Teheran aus Wut sein Auto in Brand setzt. Der Fahrer scheint laut seines Kennzeichens aus der Golestan Provinz zu kommen und seine Reaktion hatte niemand erwartet. Er wurde einige Stunden zuvor von der Verkehrspolizei angehalten, weil er gegen einige Verkehrsrichtlinien verstoßen hatte. Als er nun ein zweites Mal angehalten und verwarnt wurde, zündete er aus Wut sein Auto an, was Fußgänger und andere Autofahrer ungläubig beobachteten. Es ist nicht ganz klar, wie hoch die Strafe war, aber alleine das Anzünden seines Autos dürfte 20 Millionen Tomans kosten.

In dem Versuch, diesen Vorfall zu erklären, weist die Zeitung auf die katastrophale Lage der Gesellschaft hin. Sie schreibt: „Die Medien machten nicht einmal deutlich, warum der Mann eigentlich sein Auto anzündete und es gab auch keine Stellungnahme der Polizei dazu. Es ist zu erwarten, dass er schon nach der ersten Kontrolle große finanzielle Probleme auf sich zukommen sah. Vielleicht hatte er aber auch nur Streit mit seiner Frau am Morgen gehabt und es ging um das Geld. Sein Auto nach einer zweiten Strafe anzuzünden, ist schon sehr extrem und ungewöhnlich.“

Die staatliche Zeitung drückt vor allem seine Angst vor einem Ausbruch der Wut in der iranischen Gesellschaft aus und sie macht dafür auch die schlechten Lebensbedingungen verantwortlich. Es heißt:“ Der Vorfall zeigt, wie dünn der Geduldsfaden in der Gesellschaft bereits ist. Es war früher undenkbar, dass ein Mann sein Auto in Brand setzt, nur weil er zwei Strafen im Verkehrsbereich bekommen hat. Solche Vorfälle nehmen von Jahr zu Jahr zu und die Verantwortlichen scheren sich einen Teufel darum. Am 14. April wollte sich ein 51 Jahre alter Mann auf der Teheraner Daneshgah Straße in Brand setzen und nur Passanten konnten dies verhindern. Im Dezember letzten Jahres setzte ein Mann auf der Teheraner Valiasr sein Motorrad in Brand, während Passanten dabei zusahen.“

„Im März 2016 setzte sich ein Straßenhändler in Brand, als ihm Mitarbeiter der Gemeinde seinen Stand weg nehmen wollten. All diese Vorfälle zeigen einen irritierten sozialen Status, der sich ständig aufgrund der Lebensbedingungen in verschiedenen Bereichen verstärkt.“

„Zahlen aus dem letzten Jahr belegen, dass es in 28,5 Prozent der Examen im rechtlich medizinischen Bereich um das Thema Gewalt ging. Dieses Thema war jahrelang unverändert gewesen und ist nun an oberster Stelle zu finden.“

„Und wir sehen immer mehr Menschen, die sich vor den Regierungsbüros treffen, um dort gegen die Verletzung ihrer Rechte im Bereich Finanzen, Soziales, Banken etc. protestieren. Auch dies ist eine neue Art von sozialem Ärger, welche den Geduldsfaden reißt.“