Saturday, November 26, 2022
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Iranische Atom-Offerte an Nordkorea

ImageDie iranische Regierung hat Nordkorea ein umfassendes wirtschaftliches Hilfsprogramm angeboten – wenn Pjöngjang im Gegenzug weiter aktiv bei der Entwicklung von nuklear bestückten Teheraner Raketen mitarbeitet. Die Offerte im Auftrag der Mullahs unterbreitete, wie der SPIEGEL jetzt aus westlichen Geheimdienstkreisen erfuhr, ein hochrangiger Emissär, getarnt als Chef der "Nordkoreanisch-iranischen Freundschaftsgesellschaft". Er reiste in der zweiten Oktoberwoche nach Pjöngjang und stellte massive und unentgeltliche Erdöl- und Erdgaslieferungen in Aussicht.

Die extreme Energieknappheit in Nordkorea – und die amerikanische Bereitschaft, Wirtschafts- und Energiehilfe an Pjöngjang zu liefern – galten als Hauptgründe dafür, dass der stalinistische Gewaltherrscher Kim Jong Il im September überraschend Bereitschaft zum Verzicht auf Atomwaffen signalisiert hatte. In Teheran glaubt man allerdings, dass die prinzipielle Vereinbarung zwischen den USA, China, Russland, Japan, Südkorea und Nordkorea einen entscheidenden Schwachpunkt hat – und meint, Pjöngjang wieder auf Konfrontationskurs bringen zu können. Während Nordkorea darauf besteht, dass Washington Leichtwasserreaktoren schon vor dem Abbau des Atomprogramms bereitstellt, hat Präsident George W. Bush bereits erklärt, am Anfang des Prozesses müsse Nordkoreas international überwachte nukleare Abrüstung stehen.

Das iranische Angebot könnte Kim Jong Il zumindest über den Winter helfen – und ihm damit Zeit verschaffen, den Deal zu überdenken oder bessere Bedingungen herauszuholen. Iran hat ein doppeltes Interesse, dass es im Fernen Osten nicht zu einer Einigung kommt. Zum einen ist Nordkorea mit seinen Nodong-Missiles, auf deren Design die iranische Schahab- 3 basiert, der wichtigste Partner für Teherans Raketen. Zum anderen fürchtet Iran, nach einem möglichen Einlenken Pjöngjangs als alleiniger Störenfried auf dem Atomsektor dazustehen – und noch stärker unter den Druck Washingtons, der EU und der Uno-Kontrolleure zu geraten. Bis jetzt ist unklar, wie Nordkorea auf das Geheimangebot aus Teheran reagiert. Bei den jüngsten Sechsergesprächen am 11. November schien Pjöngjang jedenfalls wieder weniger zu Zugeständnissen bereit. Völlig offen ist auch, ob die iranischen Machthaber ihrerseits an einem Kompromissangebot interessiert sind, sich mit der Umwandlung von Uranerz im eigenen Land zu begnügen und die eigentliche, gefährliche Urananreicherung in eine gemeinsam mit Moskau betriebene, international überwachte Anlage in Russland auszulagern. Nur wenn Teheran prinzipiell auf diese Idee eingeht, wollen Großbritannien, Frankreich und Deutschland am 6. Dezember in Wien die Verhandlungen wiederaufnehmen.