Wednesday, December 7, 2022
StartNachrichtenMenschenrechteIrans harter Kurs beginnt zu Hause

Irans harter Kurs beginnt zu Hause

Von Azadeh Moaveni

TIME Magazine – Als die 29jährige Behnaz Mohsenian mit dem Englischkurs am Teheraner Najdad Institut im Frühling diesen Jahres begann, studierten in ihrem Kurs 15 Männer und Frauen die Grammatik in gemischten Gruppen. Im letzten Monat teilte die Sprachschule die Gruppe nach dem Geschlecht auf. Männer und Frauen kommen seitdem an unterschiedlichen Tagen zusammen. Jetzt ist geplant, die Frauenklassen in einem separaten Gebäude unterzubringen, um unter allen Umständen unerlaubtes Vermischen zu vermeiden. "Man glaubt", sagte Mohsenian, "dass, wenn wir alle nicht zu normalem Verhalten fähig seien und jederzeit reglementiert werden müßten."

Als Präsident Mahoud Ahmadinejad im letzten Sommer ins Amt kam, hat jeder beobachtet, ob das islamische Dogma die Landespolitik erneuern könne. Zuviel Freude, nichts hat sich geändert: "Westernfilme wurden überall verkauft, Frauen trugen wenig Verschleierung und Paare gingen Hand in Hand in den Straßen. Aber die langen, freigeistigen Flitterwochen sind vorüber. Jetzt scheint der harte Kurs für das Ahmadinejad-Regime zu Hause zu beginnen (das in der letzten Woche das neue Reaktorprojekt eingeweiht hat, sich gegen die Forderung der UN nach der Beendigung seiner Urananreicherung bis zum 31. August auflehnt und auf die Angebote des Westens nur eine lauwarme Antwort gibt). In den letzten Monaten haben mehrere Bereiche der Regierung heimlich gewonnene Freiheiten mit Maßnahmen wie der Wiedereinführung der Geschlechtertrennung in öffentlichen Institutionen zurückgenommen. Weil das iranische System Ministerien mit übergreifenden Mandaten und Sicherheitsapparaten hat, die unabhängig voneinander operieren, ist es schwierig zu sagen, ob das eine regierungsweite Razzia ist oder ob sich einige Staatsmänner durch Ahmadinejads Konservatismus ermutigt fühlen. Nichtsdestoweniger ist der Tod auf höchster Stärke und die Auswirkungen gehen durch die ganze Gesellschaft.

Die neue Hypermoral ist nicht genau die Rückkehr zu den Tagen des Ayatollah Khomeini. Heute sind die Taktiken subtiler als in der Vergangenheit, als die Moralpolitik durch die drangsalierte Jugend in Teherans Strassen abgefertigt wurde. Stattdessen werden die normalen Iraner in der Rolle von Fordernden eingeschüchtert.

Vor einem Monat habe ich mich mit ein paar Freundinnen auf einen Kaffe in einem beliebten Café getroffen. Eine meiner Freundinnen zündete eine Zigarette an und wurde von dem verlegenen Besitzer informiert, dass es jetzt für Frauen verboten sei, in Cafés zu rauchen. Solche kleinen, aber deutlichen Restriktionen sind entmutigend. Die Hälfte der Frauen, die ich kenne, gehen nicht mehr in Cafés. So haben die Behörden mit einer einzigen Polizeirazzia Teherans geschäftige Caféhausszene erstickt.

Die täglichen Restriktionen sind sehr vielfältig – Die Kleiderordnung massregelt die Einzelhändler von Frauenbekleidung und die musikalischen Auftritte von Frauen in der Öffentlichkeit werden ebenfalls eingeschränkt. Letzte Woche rollten Trucks beladen mit Sattelitenschüsseln durch meine Teheraner Nachbarschaft; die Polizei hat alle illegalen Geräte in der ganzen Stadt konfisziert.

Es ist nicht klar, wie lange diese strikten Massnahmen bleiben werden. Die Regierung scheint der fehlende Enthusiasmus für seine Dekrete nicht zu stören. Am Vorabend des Waffenstillstandes im Libanon, wird gefeiert als ob es ein iranischer Sieg sei, dass die Hisbollah nicht verloren haben. Es kocht, was als der Welt längste Kebab zusammengestellt wurde – länger als 21 Fuß. Und Iraner werden über die staatlichen Medien aufgefordert, zu einer bestimmten Zeit auf ihre Hausdächer zu gehen und "Allahu akbar" (Gott ist allmächtig) zu rufen. Die Tradition aus den frühen Tagen der islamischen Revolution schliesst die Menschenmasse aus. Die Stadt erschütterte durch ihre Schreie. Letzte Woche war in den meisten Teilen Teherans nur Stille zu hören.