Thursday, December 8, 2022
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Kriegstrommeln und Friedenstauben gegen Mullahs

 Frankreich Zehntausende von Regimegegnern protestieren gegen die Machthaber in Teheran. Von Axel Veiel,Taverny

Stuttgarter Zeitung – In Teheran geht es nicht, hier in Taverny schon. Zu Zehntausenden strömen Gegner des iranischen Regimes amWochenende in die verschlafene Kleinstadt. Aus allerWelt sind sie angereist. Hier imNordwesten vonParis wollen die Exiliraner ihrem Zorn auf die Mullahs Luft machen, sich als politische Alternative empfehlen. „Azadi, Azadi!“, „Freiheit,Freiheit!“ schallt es durch die Straßen. Reisebusse bahnen sich im Schritttempo einen Weg durch dieMenschenmassen. Zumal die Jugend, die im Iran vor einem Jahr vergeblich aufbegehrte, erhebt ihre Stimme.

Amir, der 26-jährige Pizzabäcker aus dem englischen Nottingham, will aller Welt vor Augen führen: „Wir sind die Alternative zu den Mullahs!“ Die 24-jährige Diplompädagogin Sahar Sanaie ausFrankfurt ist gekommen,„um daran zu erinnern, dass es eine riesige Exilgemeinde gibt, die einen freien Iran wünscht“. Und die 22-jährige Studentin Shahin, die in Paris den Zug nach Taverny genommen hat, fragt aufgebracht: „Warum erfahren wir als weltliche, nach Demokratie rufende Organisation vomWesten so wenig Unterstützung?“

Wir, das sind die Veranstalter des Treffens: die Volksmudschaheddin und ihr politischer Arm, der Nationale Widerstandsrat des Iran. Und wenn der Westen die bereits gegen die Diktatur des Schahs kämpfende Organisation in der Tat nur zögerlich unterstützt, ja als ehemals des Terrorismus verdächtig argwöhnisch beobachtet, dann deshalb, weil sie sich weniger durch innere Demokratie auszeichnet als durch straffe Kaderstrukturen und Personenkult.

Unangefochtene Anführerin des Widerstandsrats ist Marjam Radschawi. Das madonnenhafte Antlitz der Anführerin prangt auf Luftballons, Transparenten und Ansteckern. Radschawis Gefolgsleute haben
nichts dem Zufall überlassen. Bei der Hauptkundgebung im Stadion von Taverny greift ein Rädchen ins andere, strebt eine Massenveranstaltung unaufhaltsam ihrem ekstatischen Höhepunkt entgegen, dem Auftritt Radschawis eben.

Friedenstauben steigen gen Himmel. Auf der Bühne bearbeiten Schlagzeuger Trommeln, Pauken, Becken und Bongos. „Bia, bia!“, rufen die Musiker in dieMenge, „komm, komm!“ „Bia, bia!“, schallt es aus Tausenden von Kehlen zurück. Die Aufforderung gilt dem Feind. Die Mullahs sollen sich von der Kampfkraft derVersammelten überzeugen, ihrzumOpfer fallen.Konfettiwolken verdunkeln den Himmel, aus Lautsprechertürmen dröhnt eine Popversion von Beethovens neunter Symphonie. Und dannkommtschließlich Radschawi, begleitet von schrillen Schreien,Triller-und Trötentönen. Sie beschwört den demokratischen Wandel im Iran, den Sturz der Faschisten im Turban, huldigt den im Kampf für dieFreiheit gefallenen Märtyrern.

Jedem das Seine, lautet das Erfolgsrezept, das die hier zusammengekommenen Exiliraner eint: den Friedfertigen die Friedenstauben, den Demokraten die Forderung nach freien und gleichen Wahlen, den Festseligen Popmusik, den Geschichtsbewussten Bilder gefallener Märtyrer, den Kriegern Kriegstrommeln. Amir glaubt, dass es anders nicht geht, „dass zum Widerstand gegen die Mullahs Kampf und Befehlsgehorsam gehören“. „Wie sollen wir einem Regime, dessen Geheimdienst uns rund um den Globus verfolgt, denn sonst begegnen?“, fragt er.

„Verhandeln und reden bringt nichts, wenn wir im Iran auch nur unsere Stimme erheben, werden wir doch ins Gefängnis gesteckt und umgebracht.“ Nicht nur das straffe Regiment des Widerstandsrats, auch der gemeinsame Feind eint die traditionell zerstrittene, ja zersplitterte iranische Opposition. Das Schreckensregime der nach Atomwaffen greifenden Mullahs lehnen alle ab. Verschwitzt, aber mit leuchtenden Augen stapft Amir nach dem letzten TrommelwirbeldemAusgang des Stadions entgegen. „Man hat gesehen, die einflussreichste Oppositionsgruppe imExil ist der Nationale Widerstandsrat“, sagt er. „Man mag von uns halten, was man will, aber ohne uns geht es nicht."