Sunday, February 5, 2023
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Hungerstreiks sind tägliche Erinnerung an die Versprechen der USA

AshrafVon Robert McCartney
Quelle: The Washington Post
30 August 2009
 
An einem sonnigen Fleckchen auf der Pennsylvania Avenue, einen halben Block weit vom Weißen Haus entfernt, sitzen auf Strandstühlen Männer und Frauen im mittleren Alter unter vier Schutzdächern, die mit farbenfrohen Flaggen verziert sind. Sie haben seit einem Monat keine feste Nahrung mehr zu sich genommen. Vor ihnen stehen in einer Reihe riesige Fotos von 11 Mensch, um alle ist ein Kranz mit Blumen gelegt. Eine Frau mit sanfter Stimme trägt einen hellblauen Regenschirm und verteilt Flugblätter. Klingt familiär? Langweilig? Demonstrationen wie diese sie so oft in Washington, dass wir sie selten mit mehr als einem Lächeln honorieren. Eine Fahrt der Botschaftsmeile hinunter zeigt ärgerliche Demonstranten über ein Ereignis, das vielleicht weniger als zwei Sätze in einer ausländischen Zeitung ausmacht.

Unsere gleichgültige Einstellung ist verständlich, aber wir verpassen eine Möglichkeit, wenn wir solche Dinge ignorieren. Sie zeigen uns Fenster in dramatische menschliche Erfahrungen und historische Entwicklung in Übersee.

Sehr oft zeigt sich, dass diese Demonstranten unsere Nachbarn sind, dass sie in Sorge um ihre Verwandten oder politische Entwicklungen in ihrem Heimatland sind.
Die Demonstranten auf den Strandstühlen zeigen einen besonders interessanten Fall, darunter auch eine Nachricht an die Außenpolitik der USA, die für viel Ärger sorgen kann. Die Demonstranten sind Iraner, viele von ihnen Bürger der USA. Sie fordern von der Obama Administration, ein Camp vor den Toren Bagdads mit dem Namen Ashraf zu schützen, in dem 3.400 Exiliraner leben und welches von irakischen Sicherheitskräften am 28. Juni gestürmt wurde. Die 11 Personen auf den Fotos wurden getötet (plus einem weiteren) und Hunderte der unbewaffneten Bewohner wurden verletzt. Das in der Nähe stationierte US Militär, dass einmal den Schutz der Campbewohner versprochen hat, blieb dabei unbeteiligt.

„Wir tun dies, um darauf aufmerksam zu machen, dass Menschen an einem Platz geschlagen und getötet wurden, wo ihr (die US Regierung) versprochen habt, sie zu schützen“, sagt Zahra Rashidi (51) aus Chantilly
Sie und ihr Ehemann haben nur Gatorade, Wasser und Tee während ihres Hungerstreiks zu sich genommen, der am Samstag in den 32. Tag ging. Malihi sagt, dass er sich manchmal schwach fühle, aber er habe schon oft für die Politik seines Landes gelitten. Er verlor einen Zeh und hat Narben im Gesicht, nach dem er in den 80er Jahren in einem iranischen Gefängnis fünf Jahre lang saß und dabei gefoltert wurde.

„Dies ist der Preis, den wir für unsere Freiheit zu zahlen haben“, sagt er. „Wir leiden dafür und sind stolz darauf.“

Der Hintergrund dieser Kontroverse ist kompliziert, selbst für die Verhältnisse im Mittleren Osten. Die Exillanten in Ashraf sind Mitglieder einer iranischen Oppositionsgruppe, den Mojahedin von Khalq (oder MEK), die seit langem im Irak sind.

Die irakische Regierung, welche immer näher an den Iran rückt, will das Camp schließen und seine Bewohner ausweisen, wie es Teheran fordert. Die USA sind besorgt, sagen aber auch, dass Ashraf nun eine interne Angelegenheit des Irak ist, seit die Regierung in Bagdad die volle Souveränität über das Land erhalten hat.

Das Peinliche für Washington ist, dass sie zu Beginn des Jahrzehnts den Bewohnern von Ashraf versprachen, sie zu schützen, wenn sie dafür ein Abkommen zur Entwaffnung und zur Abschwörung der Gewalt unterzeichnen. Die USA tat das, obwohl die MEK seit 1997 auf der Terrorliste steht, für Taten, die zumeist Jahrzehnte vorher statt fanden. Amerika kam er MEK teilweise näher, nachdem die Gruppe wertvolle Informationen über das iranische Atomprogramm gab. 2004 gab ein US Armeegeneral jedem einzelnen Bewohner von Ashraf eine schriftliche Erklärung, in der er die Bewohner „zu ihrem Status aus geschützte Personen unter der vierten Genfer Konvention“ gratulierte.

Der Bruch dieser Versicherungen ist zum Teil Quelle des Ärgers der Demonstranten, die hier sitzen. Sie verteilen Fotokopien der Ausweise als „geschützte Person“, die von den getöteten Menschen in Ashraf getragen wurden. Auf ihnen steht: „ Sollte ein Vorfall passieren, dann können sie die 89. Polizeibrigade des (US) Militärs unter den folgenden Telefonnummern kontaktieren“.

Vieler der Demonstranten haben Verwandte oder Freunde in Ashraf. Über 30 Personen befinden sich hier im Hungerstreik und zusätzliche Demonstranten kommen, um zu reden und zu rufen. In etwa 100 zeigten sich am Mittwoch für einen halbstündigen Marsch, den sie jeden Abend vor dem Weißen Haus abhalten. Manche bleiben über Nacht, so geht der Protest 24 Stunden am Tag.

Die Demonstranten sind sehr oft gut ausgebildet und erfolgreich. Zu denen, die ich interviewte, gehört der Besitzer einer Baufirma, ein Bauingenieur, Universitätsprofessor, ein Dichter und zwei frühere Wrestlingmeister.

Einige von ihnen wuchsen in politisch aktiven Familien auf und verloren durch Hinrichtungen der iranischen Regierung ihre Verwandten. Andere nehmen zum ersten Mal teil, nachdem sie durch die Videoberichte über den Überall des Camps in Wut gerieten. Die Videos zeigen, wie die irakischen Streitkräfte die Menschen mit Schlagstöcken schlagen, wie Fahrzeuge zielgerichtet in Menschengruppen fahren und viele Menschen mit blutenden Köpfen. Lange Salven von automatischen Gewehren sind zu hören. Ein Amerikaner in Uniform ist zu sehen. Er wird gebeten, zu helfen, doch dann steigt er in ein Fahrzeug und fährt davon.

„Die USA haben ein Versprechen gemacht und gebrochen“, sagt Zola Habibi (28) aus Alexandria. Sie hat große Sorge um die Menschen, die noch in Ashraf sind. Sie hat ihre Mutter seit sieben Jahren nicht gesehen und ihre beste Freundin, die nach Schlägen auf den Kopf genäht werden mußte, ist dort. Ihr Vater, ein bekannter Schriftsteller und Soziologe, der seinen Doktor auf einer amerikanischen Universität machte, wurde 1988 von der iranischen Regierung getötet.

Die Menschen in Ashraf sind „die wichtigste familiäre Angelegenheit“, sagt Habibi.

Die Menschen auf den Stühlen sind unglücklich, weil die US Regierung einige Iraner im Irak fallen läßt, die die gleiche Ablehnung gegenüber dem Regime in Teheran wie wir äußern und denen Washington einst versprochen hat, sie trotz der Terroretiketts zu schützen. Haben sie das begriffen? Dass sind die interessanten Geschichten, die wir von den kleinen Spektakeln auf den Straßen von Washington erfahren können.