Monday, December 5, 2022
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Iran: Hauptopposition der Regierung spricht mit Tageszeitung France-Soir

 Maryam Rajavi: In Teheran in der Wechsel in Sicht

Quelle: France-Soir Dienstag, 30. Juni 2009
Interviewer: Jean-Pierre Thiollet

Die gewählte Präsidentin des Nationalen Widerstandsrates Iran, Maryam Rajavi, glaubt, dass der Anfang vom Ende des klerikalen Regimes eindeutig ausgelöst worden ist.

Maryam Rajavi führt eine Koalition verschiedener Gruppen an, die in Opposition zum Mullahregime stehen und sagt, dass der Widerstand gut genug organisiert ist, um die Macht ohne einen drohenden Bürgerkrieg auszulösen, übernehmen kann. France-Soir: Wie ist ihrer Ansicht nach die aktuelle Situation im Iran? Denken sie, dass ein politischer Umbruch klar in Sicht ist?

Maryam Rajavi: Im Iran finden gerade intensive Umbrüche statt. Ich bin sehr optimistisch, dass ein Wechsel im Iran in Sicht ist. Während der Proteste der letzten zwei Wochen haben die iranischen Menschen auf dem lautesten und deutlichsten Weg ihre Forderung für einen Wechsel ausgedrückt.
Die beschämende Wahl des klerikalen Regimes und die daraus resultierenden Entwicklungen haben den Anfang vom Ende des velayat-e-fagih (absolute Herrschaft des Klerus) des Regimes markiert.
Die Bewegung, die im Iran gestartet wurde, ist unumkehrbar. Es wird viele Hoch und Tiefs geben, aber der Weg dieser Bewegung wird definitiv zum Ende der klerikalen Diktatur der Mullahs führen.

Denken Sie, dass das Regime eine härtere Linie mit spürbaren Konsequenzen für das Volk durchziehen wird?

Ich habe keinen Zweifel daran, dass die Mullahs die Unterdrückung erhöhen werden. Das Mullahregime muss die weit reichende Unterdrückung fortführen, um zu überleben, dazu brauchen sie auch die Nuklearwaffen und den Export von Fundamentalismus in der Region. Die Mullahs werden nicht schüchtern sein, wenn sie alle Arten von Verbrechen durchführen können, um zu überleben. In den letzten zwei Wochen wurden mehr als 200 Menschen getötet, Tausende entweder verwundet oder verhaftet. Die Welt war schockiert, nachdem einen Augenzeugin (die 25 Jahre alte Neda) ermordet wurde. Und dies ist nur ein kleiner Teil der Verbrechen, die die Mullahs begangen haben. 
Dennoch wird die andere Seite der Medaille der Unterdrückung durch das klerikale Regime die Entschlossenheit der iranischen Bevölkerung sein und sie wird die Macht der religiösen Diktatur beenden. Trotz Khamenei’s Befehlen zu mehr Unterdrückung und den wiederholten Warnungen durch die unterdrückenden Sicherheitskräfte und trotz der scharfen Munition, die auf Demonstranten abgeschossen wird: Junge Männer und Frauen aus allen Gesellschaftsschichten sind auf die Straßen gegangen und haben “Tod dem Diktator” und “Tod für Khamenei” gerufen.

Ist nach ihrer Meinung ein Bürgerkrieg eine ernsthafte Gefahr oder sehen sie dafür keine großen Anzeichen?

Es gibt absolut keinen Grund für einen Bürgerkrieg im Iran. Der Iran ist ein einheitliches Land und es gibt daher keine Gefahr eines Bürgerkrieges.

Es gibt nur einen Kampf, der im Moment im Iran statt findet und das ist der Kampf zwischen dem Volk und der regierenden Diktatur. Es ist ein Kampf für die Freiheit, in dem die Iraner Seite an Seite gegen das klerikale Regime und seine unterdrückenden Sicherheitskräfte stehen. Es gibt zwischen den verschiedenen Religionen und seinen Anhängern keinen Konflikt.

Die iranische Bevölkerung ist polarisiert. Nach einer geheimen staatlichen Umfrage wollen 95% der Iraner einen Regimewandel. Daher sage ich, dass ein klassischer Bürgerkrieg nicht möglich ist.

Was sind ihrer Ansicht nach die Stärken und Schwächen der Opposition zum Mullahregime?

Ich denke, die wichtigste Stärke der Opposition in die Existenz eines organisierten Widerstandes und die Anwesenheit einer demokratischen Alternative in Form des Nationalen Widerstandsrates Iran (NWRI).

Es ist eine Koalition mit einer klaren und speziellen Plattform und Planung für die Regierung nach dem Umsturz der religiösen Diktatur. Er hat seine Möglichkeiten bereits in vielen Bereichen gezeigt. Der NWRI agiert als Exilparlament und hat 25 Ausschüsse mit entsprechenden Schattenministern. Alle sind bereit, sich für die Angelegenheiten des Landes einzusetzen.
 
Die zentrale Bewegung im Widerstand sind die Volksmudschahedin Iran, eine Allianz, die einen toleranten und demokratischen Islam verfolgt und die es ermöglicht hat, die Demagogie des klerikalen Regimes aufzuzeigen, einem Regime, dass Verbrechen im Namen des Islam durchführt. Heute ist die PMOI der Gegenpart zum religiösen und extremistischen Fundamentalismus.
 
Die größte Schwäche der Opposition ist leider die vom Westen in den letzten zwei Jahrzehnten betriebene Politik der Beschwichtigung gegenüber den Mullahs, die die wichtigste Opposition zum Regime zurück gehalten hat. Ein klarer Beweis dieser Politik war die Terrorlistung der PMOI, der Hauptoppositionsbewegung zum Regime. Sie wurde schließlich von den Listen der EU am 26. Januar 2009 nach einem Gerichtsbeschluss des europäischen Gerichtshofes der ersten Instanz gestrichen.
Viele westliche Medien haben bei vielen Gelegenheiten westliche Diplomaten zitiert, die sagten, dass die Unterdrückung der PMOI auf der Liste des iranischen Regimes an oberster Stelle bei den Verhandlungen mit den Westen über Nuklearwaffen oder anderen Dingen stand.

Haben sie manchmal Zweifel an ihrer eigenen persönlichen Zukunft?

Ganz und gar nicht.  Wir kämpfen für die Respektierung der Menschenrechte, die Gleichberechtigung, die Trennung von Kirche und Staat. Wir stehen für diese Überzeugungen und Prinzipien ein und wir sind bereit sie umzusetzen, wo immer wir es können.

In der Zukunft wollen wir nicht etwas für uns persönlich erreichen. Nach dem Sturz hängt alles vom iranischen Volk und seiner Stimme ab. Die Priorität für uns ist die Bildung einer demokratischen Grundordnung im Iran. Das ist alles. Das würde unseren ultimativen Triumph bedeuten.

http://www.francesoir.fr/etranger/2009/06/30/iran-opposition-maryam-radjavi.html#S?©quence_1