Saturday, November 26, 2022
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Iran: Ärzte verurteilen den Terror in den Krankenhäusern

Un blessé dans une manifestation à TéhéranLE FIGARO.fr
Delphine Minoui,  6.7.2009

Ein verletzter Demonstrant am vergangenen 15. Juni. Seit Beginn des Widerstands fordern die Milizionäre die Krankenhäuser auf, ihnen die Liste der aufgenommenen Verletzten auszuhändigen. (Quelle des Fotos: Associated Press)

Auf ihrem Weg über Paris verurteilen sie das Klima des Terrors, das in den Krankenhäusern herrscht, in die in den letzten Wochen die bei den Demonstrationen gegen Ahmadinejad Verletzten gebracht worden sind.

Sie haben zuviel gesehen. Aus Angst vor Repressalien haben sie Schweigen bewahrt. Aber auf ihrem Weg über Frankreich, wo sie sich ein paar Tage aufgehalten haben, möchten sie nun die Mauer des Schweigens brechen. Auf jeden Fall. “In Teheran waren wir hilflose Zeugen wahrhaftiger Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, erregt sich einer der beiden iranischen Mediziner, den wir dieses Wochenende in Paris getroffen haben und der es vorzieht, aus Gründen der Sicherheit anonym zu bleiben. “Seit Beginn der Anti-Ahmadinejad-Demonstrationen”, sagt er, “haben Milizen und Agenten der Sicherheitsorgane in Zivil in den Krankenhäusern erine Politik der Terrors verbreitet. Sie gehen dort ohne jede Rücksicht gegen die Verletzten vor.” “Alles hat am Samstag, den 13.Juni, dem ersten Tag des Widerstands gegen die Ergebnisse der Wahlen, begonnen. Sie haben angefangen, von den Rezeptionen der Hospitäler die Listen der Neuaufgenommen zu fordern”, erzählt der Arzt. Der kaum verhüllte Zweck: “die verletzten Protestierenden zu identifizieren, um sie dann vor Gericht bringen zu können und sie der Störung der öffentlichen Ordnung anzuklagen”, präzisiert er.

Über 92 Tote
Mehreren Zeugenaussagen zufolge, die im medizinischen Milieu zirkulieren, hat das nicht weit von der Universität von Teheran entfernt gelegene Akram Rasoul-Krankenhaus seit dem “schwarzen Montag” (15. Juni) 38 Menschen aufgenommen, von denen 28 verletzt und 10 bereits tot waren. “Man hatte feststellen können, dass Kugeln diagonal die Körper durchschlagen haben, was bedeutet, dass man von oben herab auf sie geschossen hat – d.h. von einem Dach aus”, stellt der zweite Arzt fest.

Einer offiziellen Bilanz zufolge wurden mindestens 17 Personen seit Beginn des Widerstands getötet. Eine erste diskrete Zählung seitens des Personals verschiedener Krankenhäuser hat jedoch ergeben, dass bis heute in Teheran und Umgebung über 92 Menschen zu Tode gekommen sind. Zu den Opfern gehört eine im achten Monat schwangere Frau.  Nachdem sie nicht weit vom Präsidentenpalast entfernt durch eine Kugel getötet wurde, hat man sie ins Krankenhaus transportiert. Weitere  beunruhigende Meldungen fangen jetzt an, allgemein bekannt zu werden. Wie etwa die über die sechs Leichen von jungen Männern, die vergangene Woche in Shahriar, am Rande der Hauptstadt, gefunden wurden. “Sie sind alle am Genick verletzt. Ihre Schädel wurden zerschmertert und ihre Gehirne geöffnet, zweifellos, um die Kugeln zu entfernen und so die Spuren des Verbrechens zu verbergen”, erzählt der zweite Mediziner, der unter dem Siegel der Verschwiegenheit  von einem Kollegen über dieses fürchterliche Massaker informiert worden ist.

Um diese Art von Angriffen zu vertuschen, wurden die Ärzte aufgefordert, zu attestieren, dass die Personen, deren Leichen in ihre Krankenhäuser gebracht worden waren, “in Folge von Operationen gestorben sind”. “In mehreren Hospitälern – darunter im Akram Rasoul- und im Imam Khomeini-Krankenhaus – haben wir Protest-Sit-Ins organisiert. Aber im staatlichen Fernsehen haben sie gesagt, dass es sich um einen Streik für höhere Gehälter handele. Das ist wirklich schockierend!”, meint der zweite Arzt. Einer seiner Freunde, Bereitschaftsarzt im Notdienst im Erfan-Krankenhaus, wurde sogar dafür “bestraft”, dass er sich den Milizen entgegengestellt hat. “Nachdem er sechsunddreißig Stunden verschwunden war, wurde er halb-bewusstlos und verunstaltet auf dem Gehweg des Krankenhauses gefunden”, berichtet er.
 
Begräbnisse unter Aufsicht
Angesichts des Widerstands eines Teils des medizinischen Personals wurden die Leichen der Demonstranten rasch anderswohin gebracht. “Man denkt, dass sie ins Militärkrankenhaus Baqiatollah oder auch einen anderen der breiten Öffentlichkeit unbekannten Ort gebracht worden sind”, stellt der Arzt fest. Dann werden die Leichen unter dem Vorwand einer “Organspende” von jedem Hinweis auf eine Verletzung durch Kugeln befreit. “Die Eltern werden gezwungen, das zu akzeptieren, wenn sie die Leichen bekommen wollen, um sie zu begraben”, sagt er.
Im großen Friedhof von Behecht-e Zahra, finden die Begräbniss unter starken Sicherheitsvorkehrungen statt. “Auf dem Grabstein darf nichts über die Todesursache stehen”, vertraut uns ein per Telephon in Teheran kontaktierter Zeuge an.