Saturday, December 3, 2022
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Verhaftet, geschlagen und vergewaltigt: Die Geschichte eines iranischen Demonstranten

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guardian.co.uk, Mittwoch 1 July 2009 16.46 BST
Esfandiar Poorgiv

Afshin, ein Ladenbesitzer aus dem Südwesten Irans, behauptet, dass einer seiner Freunde geschlagen und mehrfach vergewaltigt wurde, nachdem er während der oppositionellen Demonstration gegen die strittige Wahl im letzten Monat verhaftet wurde. Er gab seinen Bericht an Esfandir Poorgiy, einen Journalisten und Akademiker weiter. Sie wurde als Teil des Projektes des Guardian zur Verfolgung derjenigen Schicksale, die während der Unruhen getötet oder verhaftet wurden, veröffentlicht.  Er stolperte gegen 10:30 Uhr in meinen Laden. Man kann deutlich sehen, dass er nun freei gelassen wurde. Sein Gesicht war völlig zerstört. Seine Zähne waren raus geschlagen und er konnte kaum seine Augen öffnen.
Er war nicht einmal politisch aktiv. Er war nur ein einfacher 18 Jahre alter Mann im letzten Schuljahr. Vor der Wahl kam er zu mir und fragte mich, wenn er wählen soll. Er sah ratsuchend an. Sein Vater unterstützte Ahmadinejad.

Er ging direkt nach seiner Entlassung nach Hause, aber sein Vater lies ihn nicht in das Haus. Er erwähnte mir gegenüber nicht, dass er vergewaltigt wurde. Er erzählte mir zu Anfang gar nichts. Es war der Arzt, der es zuerst bemerkte und es mir erzählte.

Als er zu mir in den Laden kam, brach er auf dem Stuhl zusammen. Er sagte, er könne nirgendwo hin gehen und fragte mich, ob er bei mir bleiben könnte. Ich rief einen Freund von mir an, er ist Arzt und er sagte, dass zu mir nach Hause kommt und ihn untersucht. Dann brachte ich ihn nach Hause. 

Seine Schulterblätter und Arme waren verwundet. Es gab einige Schnittwunden auf seinem Gesicht. Es waren keine Knochenbrüche, aber sein ganzes Gesicht war zerschnitten. Ich wollte einige Fotos von ihm machen, doch er lehnte ab. Der Arzt sagte, dass nur noch vier Zähne intakt wären, der Rest sei kaputt.
Dann sagte der Arzt mir, was geschehen ist. Er hat einen gebrochenen Mastdarm und der Arzt befürchtet innere Blutungen. Er schlug vor, ihn sofort in ein Krankenhaus zu bringen.

Wir liessen ihn unter falschem Namen und unter der Versicherung eines anderen einliefern. Zwei Mitarbeiter fragten mich, welch abartige Kreatur ihn so geschlagen hat. Er war ein gebrochener Mann. Er sagte uns, wir sollen das Geld für ihn nicht verschwenden, lieber würde er sich selbst töten.

Er wurde am 15. Juni in Shiraz, dem Montag nach der Wahl, verhaftet. Einige robuste Männer bildeten einen menschlichen Schild um die Demonstranten. Er war unter ihnen. Er sagte, er schaffte es, einige der Polizisten in Kampfkleidung zu schlagen, aber sie fassten ihn und schlugen ihn zusammen.

“ Ich wurde in einen Lastwagen bis zum späten abend gesperrt und dann in eine Einzelzelle gebracht, wo ich zwei Tage lang war”, sagte er. “Dann wurde ich wiederholt verhört, geschlagen und unter der Zellendecke aufgehangen. Sie nannten es Chicken Kebab. Sie banden unsere Hände und Füße zusammen und hängten uns dann von der Zellendecke herab und schlugen uns von allen Seiten mit Kabeln.

“Sie gaben uns warmes Wasser und eine Mahlzeit am Tag. Das wiederholte Schlagen gehörte zur normalen Bestrafung. Bei den Verhören fragten sie uns, wer aus dem Ausland uns die Befehle gab. Ich glaubte, dass ich von der Arrestzelle in das Gefängnis verlegt würde. Aber sie brachten mich an einen Ort, den sie “Raufbold-Raum“ nannten. Dort waren noch einige Jugendliche in meinem Alter. Ich fragte eine Wache, warum ich nicht in das Gefängnis verlegt werde und er sagte: “Du bist für eine Weile unser Gast””

“Ich lehnte es ab, während der Verhöre zu gestehen. Sie sagten:” Frag deine Freunde was wir ihnen antun, wenn du nicht kooperierst.” Die anderen in dem Raum waren seit dem 15. Juni verhaftet. Ich überlegte zu diesem Zeitpunkt, ob ich gestehen sollte, doch ich tat es nicht. Am dritten und vierten Tag begannen sie mich wieder zu schlagen. Sie beharrten darauf, dass wir vom Ausland instruiert wurden. Ich fuhr weiter fort zu sagen, dass wir nur wegen unserer verlorenen Stimmen protestieren.”

“Es war am Samstag oder Sonntag, als sie mich das erste Mal vergewaltigten. Es waren drei oder vier sehr große Männer, die ich zuvor nicht gesehen hatte. Sie kamen und rissen mir die Kleider vom Leib. Ich wehrte mich, aber zwei von ihnen schmissen mich zu Boden und der dritte vergewaltigte mich. Sie taten es vor vier anderen Gefangenen.

“Meine Zellengenossen, besonders die älteren, versuchten mich zu trösten. Sie sagten, niemand würde seine Würde dadurch verlieren. Das gleiche taten sie dann mit zwei anderen Zellenkameraden in den nächsten Tagen. Dann wurde es Routine. Sie waren so schwach und wurden so oft geschlagen, dass sie nichts mehr tun konnten.

“Dann führten sie die Verhöre weiter durch. Sie sagten: “Wenn du nicht in unserem Sinne handelst, dann werden wir dich nach Adel Abad (ein anderes Gefängnis in Shiraz) in die “Knabenliebe” Abteilung schicken, dann hast du diese Behandlung jeden Tag. Ich war so schwach und wußte nicht, was ich sagen sollte. Dann fragten sie mich nach Kontakten, die ich habe. Ich sagte ihnen, ich habe keine Kontakte und dass ich über die Demonstrationen im Internet erfahren habe.”

“Die selbe Routine ging weiter, bis ich eines Morgens entlassen wurde. In der letzten Woche gab es keine Verhöre und Schlagen mehr. Nur noch Vergewaltigungen und Einzelhaft.”

Das war es, was er mir erzählte. Er konnte sich nur nicht so gut artikulieren. Er war in einem grauenvollen physischen und psychischen Zustand, als er mit mir sprach. Ich fragte ihn, ob ich diese Geschichte erzählen darf, in der Hoffnung es würde denen helfen, die noch in Gefangenschaft sind.

• Esfandiar Poorgiv ist ein Pseudonym.