Tuesday, February 7, 2023
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Feind im eleganten Kostüm

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Maryam Radschawi sieht sich an der Spitze des Widerstands gegen Teheran, den Westen versteht sie als Hindernis
VON HANS-HELMUT KOHL (PARIS)
 
Frankfurter Rundschau 16.06.2005 – Für das Regime in Teheran ist sie nach wie vor der Staatsfeind Nummer eins. Sie trägt ein weißes Kostüm, ein rotes Kopftuch. Sie lächelt, und ihre Augen bleiben ernst. In der Empfangshalle in Auvers-sur-Oise, einem Städtchen im Norden von Paris, begrüßt Maryam Radschawi ihre Gäste als "die gewählte Präsidentin des iranischen Widerstandes" im Exil. In Iran, wo am morgigen Freitag die Präsidentschaftswahlen beginnen, wäre sie längst hinter Gittern.

Frankfurter Rundschau 16.06.2005

Feind im eleganten Kostüm
Maryam Radschawi sieht sich an der Spitze des Widerstands gegen Teheran, den Westen versteht sie als Hindernis
VON HANS-HELMUT KOHL (PARIS)
 
Für das Regime in Teheran ist sie nach wie vor der Staatsfeind Nummer eins. Sie trägt ein weißes Kostüm, ein rotes Kopftuch. Sie lächelt, und ihre Augen bleiben ernst. In der Empfangshalle in Auvers-sur-Oise, einem Städtchen im Norden von Paris, begrüßt Maryam Radschawi ihre Gäste als "die gewählte Präsidentin des iranischen Widerstandes" im Exil. In Iran, wo am morgigen Freitag die Präsidentschaftswahlen beginnen, wäre sie längst hinter Gittern.

Die 52-Jährige sitzt vor einem Relief, das ihr Land zeigt. "Dies ist ein wundervolles Land mit einer alten Kultur und Menschen, die die Freiheit verdienen", sagt sie. Ein Land voller Bodenschätze, ein reiches Ackerland, "und doch muss heute Nahrung importiert werden, damit die Menschen nicht hungern" – Radschawis Stimme ist sanft, und dennoch voller Nachdruck.

Über das Schicksal ihres Mannes Massoud, des eigentlichen Führers der Mudschaheddin, gibt es seit Jahren keine sicheren Informationen. Maryam Radschawi umgeht jede Frage, die sich auf ihn bezieht. Sie sagt "ich" und nicht "wir": "Ich will, dass Iran ein Modell wird, dass dort die Demokratie mit Gleichberechtigung gelebt wird." Die Gleichberechtigung: Um dieses Thema kreist Radschawi seit ihrer Jugend, als sie an der Teheraner Universität studiert und einen Traum hat. "Ich träumte, anderen zu helfen – als Ärztin oder Sozialarbeiterin." Doch bald (es ist die Zeit des Schah Reza Pahlevi und des Geheimdienstes Savak, der die Opposition mit Folter und Gefängnis verfolgt) wird ihr bewusst, "das Freiheit und Demokratie das wichtigste Thema sind". Die junge Studentin schließt sich den Volksmudschaheddin an, einer der Oppositionsgruppen, die wie die orthodox-kommunistischen Feddajin und der klerikale Widerstand das Schah-Regime bekämpfen.

Als Reza Pahlevi stürzt, glauben die Mudschaheddin, ihre Stunde sei gekommen. Aber sehr schnell nach der Machtübernahme durch Ayatollah Chomeini, der im Triumph aus dem Exil nach Teheran zurückkehrt, geraten sie erneut in die Rolle der Widerständler – diesmal gegen die islamischen Fundamentalisten, die einen Gottesstaat ausrufen und religiöse und politische Gewalt in einer Hand vereinen. Im Juni 1981 flieht Massoud Radschawi schließlich nach Frankreich, seine Organisation taucht in den Untergrund ab. Im Land selbst mehren sich die Attentate, die den Mudschaheddin zugeschrieben werden, und die Repression durch das Regime, "diese religiöse Diktatur" (Radschawi), nimmt immer brutalere Züge an.

"Sie wollen uns ausrotten, aber sie schaffen es nicht", sagt Maryam Radschawi heute in dem Camp, das am Stadtrand von Auvers-sur-Oise neben der Empfangshalle ein halbes Dutzend Container und ihr Wohnhaus einschließt. In diesem 6500-Einwohner-Städtchen, durch Vincent van Gogh weltberühmt, weil er sich dort das Leben nahm und seine letzte Ruhestätte fand, lebt sie mit ein paar Dutzend Anhängern – in guter Nachbarschaft zu den französischen Citoyens. Dies muss auch der französische Staat zur Kenntnis nehmen, als er im Sommer 2003 mit 1300 Polizisten und paramilitärischem Aufwand in den Compound eindringt und Radschawi "im Zuge des Kampfes gegen den Terrorismus", so die offizielle Begründung, hinter Gitter bringt.

Nicht nur der Aufschrei der Exil-Iraner rund um den Globus schreckt die Regierung auf – auch Auvers-sur-Oise rebelliert gegen den Großeinsatz. "Mein Mann sagte, als er morgens die Läden aufmachte: Der Krieg hat begonnen!" – noch zwei Jahre später regt sich Marie-Lorette Gouillon auf, die 200 Meter vom Sitz des "Nationalen Widerstandsrat Iran" entfernt in einem schmucken Haus wohnt. Die resolute Frau erzählt vom Hungerstreik der Exil-Iraner, davon, dass sie und ihre Nachbarn in dieser Zeit "die Leute haben duschen lassen, weil ihr Gelände versiegelt war", und dass der Bürgermeister das städtische Stadion öffnet, um die aus allen Himmelsrichtungen in das Städtchen kommenden Demonstranten überhaupt unterzubringen.
Zwei Jahre später ist das damals eröffnete Ermittlungsverfahren "noch immer so leer wie am ersten Tag", sagt einer der Berater von Maryam Radschawi, "aber es wird aus Rücksicht auf Teheran nicht geschlossen". Die Volksmudschaheddin und der NWRI sind von dieser Rücksichtnahme der westeuropäischer Regierungen überzeugt.

Vor dem Gespräch mit Maryam Radschawi steht zunächst die Begegnung mit Mohammed Mohadessin an, dem Chef-Außenpolitiker des NWRI, der die Geschichte des iranischen Widerstands durchdekliniert. Drei Generationen, so erzählt Mohadessin, Sohn eines Ayatollahs aus Qom, haben ihr Leben im Widerstand verbracht. Zunächst die Älteren gegen den Schah, dann "diejenigen, die wie ich in Iran geboren sind und das Land verließen, als die Mullahs an die Macht kamen, und dann die anderen, die im Exil geboren sind und zu uns stießen, weil sie ihr Land lieben, obwohl sie noch nie dort waren". Mit eindringlicher Stimme spricht der Mann, der in den vergangenen Jahren mit spektakulären Auftritten vor der Weltpresse in Paris und Wien das iranische Nuklearprogramm enthüllte. Es ist seitdem zum Zankapfel zwischen der Europäischen Union und den USA geworden, weil "die Europäer zum Appeasement neigen und mit Teheran verhandeln", während die USA den Casus vor den UN-Sicherheitsrat bringen wollen.
Mohadessin fordert "Druck auf das Regime, das nur noch existiert, weil es nach innen Repression ausüben kann und von außen unterstützt wird". Und für ihn ist der propagandistische Kampf für die Tilgung der Volksmudschaheddin von den Terrorlisten der USA und der EU "der Stellvertreterkrieg": "Diese Terrorliste bedeutet, dass die westliche Welt den Wechsel des Regimes in Teheran nicht will."

Allein in Frankreich beschäftigt er 20 Anwälte, um "alles am Laufen zu halten", um Ausreisegenehmigungen durchzusetzen, weil er und andere NWRI-Repräsentanten eingeladen sind, aber "wegen der Liste" nicht reisen dürfen. Und er ist überzeugt, dass sich der "Wind des Wechsels" (er sagt "wind of change") gegen das Mullah-Regime dreht, wenn die Liste entfällt. Dann "muss sich das Regime entscheiden, ob es sein Nuklearprogramm zurückzieht und die Unterdrückung zurücknimmt – dann verliert es die Macht". Oder das Signal aus dem Ausland "ermutigt das Volk, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen". Schon jetzt registriert er massiven Aufruhr in verschiedenen iranischen Provinzen, "aus dem wir Erfolge ziehen könnten, wenn es eine starke westliche Politik gäbe".

Ein "säkulare Republik" ist laut Mohadessin das Ziel des NWRI, der "jederzeit bereit ist, sich freien Wahlen in Iran zu stellen". Und er wird nicht müde, auf die Widersprüche der offiziellen US-Politik hinzuweisen, die einerseits wie auch die EU an ihrer Terrorliste festhält. Andrerseits aber bescheinigt die Bush-Regierung den mehreren tausend Volksmudschaheddin, die seit zwei Jahren mitten in Irak im Camp Ashraf von US-Truppen umzingelt sind, dass sich dort "keine Terroristen befinden", wie es bei mehreren offiziellen Anhörungen in Washington hieß.

Für Maryam Radschawi sind die Bewohner des Camps "junge Leute aus Iran, den USA und den europäischen Staaten, die ein gutes Leben aufgaben, um für eine gerechte Sache zu kämpfen". Sie ist stolz darauf, dass sie vor dem Europa-Parlament aufgetreten ist, dass führende Menschenrechtsanwälte und prominente Abgeordnete auf beiden Seiten des Atlantik fordern, die Volksmudschaheddin von den Terrorlisten zu streichen. Ihre Schwester wurde zu Tode gefoltert, ihr Schwager Kassim Radschawi 1990 auf offener Straße in Genf ermordet – sie sagt: "Ich bin nicht ängstlich, aber das gilt für uns alle, die wir wissen, dass es gefährlich ist, die Mullahs herauszufordern." Das Exil, fügt sie hinzu, "ist nicht einfach auszuhalten, wenn zugleich in meinem Land junge Leute, Frauen, Mädchen leiden." Aber dann strafft sich ihr Körper, und sie sagt: "Bis heute hatten wir Erfolg, wenn es darum ging, das Feuer am Leben zu erhalten."