
Die Sorgen des Regimes über eine Wiederkehr des Aufstandes vom 2019 im Iran
Als die Flammen des Aufstandes vom November 2019 hochschlugen und sich auf Hunderte von Städten im ganzen Iran ausbreiteten, versuchte die Kleriker Diktatur ihn zunächst als „emotionale Reaktion einer Gruppe irregeleiteter junger Leute“ herunterzuspielen. Danach bemühte man sich, einige dieser Jugendlichen „mit auswärtigen Mächten“ in Verbindung zu bringen, und wollte damit zugleich sagen, dass andere unwissentlich ihrem Einfluss zum Opfer gefallen seien. Als Nächstes zielten die staatlich sanktionierte Propaganda und das beständige Narrativ sogenannter Experten der staatlich kontrollierten Medien, den Aufstand als natürliche Folge der wirtschaftlichen Probleme hinzustellen, und verschleierte damit alle zugrunde liegenden politischen Beschwerden.
In der Nacht des Freitag, des 15. November 2019, kam nach Monaten widersprüchlicher Meldungen über die Möglichkeit oder die Leugnung von Erhöhungen der Treibstoffpreise im ganzen Iran ausgerechnet an einem Wochenende die offizielle Bekanntgabe einer Verdreifachung der Treibstoffpreise heraus.
Am Folgetag wurde man Zeuge von breit gestreuten Protesten, als die Menschen in 21 Städten auf die Straße gingen und den Funken für heftige Demonstrationen entzündeten, die sich auf Hunderte Kleinstädte und Dörfer ausbreiteten. Tausende von Tankstellen, Banken, kommunale Gebäude, Zentren der Sicherheitskräfte und sogar Polizeifahrzeuge wurden vollständig niedergebrannt.
Ringen um Verständnis
Nach dem riesigen Schock, der die Fundamente des ganzen Regimes ergriff, versuchten Amtsträger und angeschlossene Experten auf verschiedenen Ebenen Erklärungen für die sich entwickelnde Situation anzubieten. Ihr Ziel war, zu Schlüssen zu gelangen, die ein Licht auf die Ursachen an der Wurzel werfen können in der Hoffnung, ähnliche Vorfälle in der Zukunft zu verhindern.
Im Dezember 2019 veröffentlichten iranische Staatsmedien Berichte über ein Treffen, bei dem Amir Mohabian, ein Theoretiker, der mit der herrschenden Fraktion verbunden ist, seine Perspektive erläuterte: „Ich halte meine Überzeugung aufrecht, dass wir uns [in Zukunft] an ein strengeres Szenario halten sollten. Die Nachbarschaft dieser Proteste lässt auf ein Zusammenlaufen der Linien schließen“.
Er warnte außerdem: „Das Ausbrechen von Zorn und Ressentiment bestimmt diese Proteste. Ein deutlicher und heftiger Zorn hat sich manifestiert, hat sich Luft gemacht und bleibt ab jetzt im Gedächtnis als das Aufkommen einer sich als benachteiligt sehenden Klasse“.
https://x.com/iran_policy/status/1322931483703738368?s=20
Rahim Abolhasani, wie es heißt, ein Universitätsprofessor und Mitglied der Fraktion, die sich als „Reformisten“ vorstellt, äußerte gegenüber der Website Fararu am 15. Dezember 2019: „Seit 2017 sind wir in eine neue Phase eingetreten. Beginnend 2017 haben die Enttäuschten und wirtschaftlich ins Hintertreffen Geratenen das Zentrum der Bühne eingenommen, was zu Aufständen der Unzufriedenen und Hungrigen führte. Infolgedessen sehen wir im Jahr 2017 Proteste, die in mehr als 80 Städten ausgebrochen sind, vorwiegend unpolitisch, bei denen klare und begrenzte Beschwerden geäußert werden.
Diese Proteste haben eine bestimmte Richtung. Zum einen zielen sie auf wirtschaftliche Zentren. Zum zweiten richten die Unzufriedenen ihr Augenmerk auf politische, kulturelle und städtische Institutionen wie religiöse Seminare, Gouverneursbüros und Stadtverwaltungen. Unter diesen Instanzen der Regierung sticht die Stadtverwaltung als die heraus, der am wenigsten vertraut wird, weil sie das geringste soziale Kapital hat und als die am meisten berüchtigte Institution gilt“.
Trotz des Versuchs, den Sorgen einer unruhigen Gesellschaft mit zahlreichen Veranstaltungen, einer Vielzahl von Artikeln und Essays beizukommen, hatte das Regime keinen Erfolg damit, das zugrundeliegende Problem zu bearbeiten – das Regime selber.
Die der Revolte zugrundliegenden Faktoren
Bei der Erhebung im November 2019 bildete Schiras die zentrale Bühne als bedeutender Unruheherd, der von breit gestreuten Protesten und leidenschaftlicher Beteiligung der rebellischen Jugend gekennzeichnet war. Die einzigartigen Umstände in der Stadt vermitteln nuancierte Einsichten, die dabei helfen können, zukünftige Ereignisse in anderen Städten zu verstehen.
https://x.com/iran_policy/status/1452183831113568259?s=20
Im November 2018 meldete die halboffizielle Nachrichtenagentur ISNA, dass die Vorstädte ringsum Schiras auf 1400 Hektar annähernd 18 400 Haushalte beherbergen. Es wird dort vermerkt, dass diese Wohnstätten schwierige Lebensbedingungen bieten, was verschärft wird durch nicht genehmigtes Abzweigen von Wasser- und Stromverbindungen, was zu verschandelten Landschaften führt.
Am 24. Oktober 2020, ein Jahr nach dem Aufstand, hob die Nachrichtenagentur Tasnim, die mit dem IRGC verbunden ist, das Problem der Armut in den Dörfern um Schiras und in den Vorstädten hervor. Große Städte wie Schiras schlagen sich mit Problemen der Entwicklung der Vorstädte herum, die aus der Migration aus den Dörfern in größere Städte entstehen, wobei es hauptsächlich um Arbeitslosigkeit geht. Aufeinanderfolgende Dürreperioden tragen noch mehr zu der Landflucht in die Städte bei. Tasnim hob 40 Dörfer nahe Schiras hervor, denen es an Infrastruktur fehlt, so dass 60 % der Bevölkerung dort in Armut leben. Die steigende Inflation und die höheren Mietkosten treiben weiterhin die Menschen in diese verarmten Gebiete.
Laut den von dem Regime selbst erstellten, aber nicht veröffentlichten Statistiken und gesammelten Informationen leitete sich die Radikalisierung des Aufstands und der Volksbewegungen in den großen Städten wie Schiras von zahlreichen vernachlässigten Bedürfnissen in den marginalisierten Ausschnitten der Gesellschaft her. Trotz alledem glaubt das Regime fest daran, dass eine organisierte Minderheit, die die Überlegenheit der Waffen hat, immer wieder hungrige Massen abwehren kann. Diese Überzeugung führt das Regime dazu, die Beschwerden der Menschen zu missachten und seine Ressourcen für eine schädliche Agenda zu nutzen.
Ein weiteres kritisches Versäumnis des Regimes vor dem Aufstand von 2019 war die Unfähigkeit, die tiefe Verwurzelung des Netzes des Iranischen Widerstands im Land zu erkennen. Die extensive Dämonisierungskampagne gegen die Mujahedin-e Khalq Organisation (MEK/PMOI) innerhalb wie außerhalb des Iran zusammen mit den Versuchen von Terroranschlägen auf ihre Mitglieder und Unterstützer und der politische Druck Teherans auf den Westen, die Organisation zu ächten, zeigt die tiefe Furcht des Regimes vor dem, was es als seine Achillesferse betrachtet.


Am 16. Oktober hat Josep Borrell, der Hohe Repräsentant der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik und Vizepräsident der EU Kommission, die Öffentlichkeit über seine Gespräche mit Irans Außenminister Hossein Amir-Abdollahian bezüglich der Situation in Gaza informiert. Borrell betonte, dass er das Regime im Iran ermutigt habe, seinen Einfluss zu nutzen, um eine Eskalation der Spannungen in der Region zu verhindern.





