VON AXEL VEIEL
Frankfurter Rundschau: Taverny. In Teheran geht es nicht, hier in Taverny schon. Zu Zehntausenden strömen Gegner des iranischen Regimes am Wochenende in die Kleinstadt. Aus aller Welt sind sie angereist. Hier im Nordwesten von Paris wollen die Exiliraner ihrem Zorn auf die Mullahs Luft machen.
"Azadi, Azadi!", "Freiheit, Freiheit!" schallt es durch die Straßen. Reisebusse bahnen sich im Schritttempo einen Weg durch die Massen. Zumal die Jugend, die im Iran vor einem Jahr vergeblich aufbegehrte, erhebt ihre Stimme.
Amir, der 26-jährige Pizzabäcker aus England, will aller Welt vor Augen führen: "Wir sind die Alternative zu den Mullahs!" Die 24-jährige Diplompädagogin Sahar Sanaie aus Frankfurt ist gekommen, "um daran zu erinnern, "dass es eine riesige Exilgemeinde gibt, die einen freien Iran wünscht". Und die 22-jährige Studentin Shahin, die in Paris den Zug nach Taverny genommen hat, fragt aufgebracht: "Warum erfahren wir als weltliche, nach Demokratie rufende Organisation vom Westen so wenig Unterstützung?"
Wir, das sind die Veranstalter des Treffens: die Volksmudschaheddin und ihr politischer Arm, der Nationale Widerstandsrat des Iran. Tatsächlich unterstützt der Westen die bereits gegen die Diktatur des Schahs aktive Organisation nur zögerlich, hat sie ehemals sogar des Terrorismus verdächtigt – und das deshalb, weil sie sich weniger durch innere Demokratie auszeichnet als durch straffe Kaderstrukturen und Personenkult.
Unangefochtene Anführerin des Widerstandsrats ist Marjam Radschawi. Das madonnenhafte Antlitz der Anführerin prangt auf Luftballons, Transparenten und Ansteckern. Radschawis Gefolgsleute haben nichts dem Zufall überlassen. Im Taverny strebt eine Massenveranstaltung unaufhaltsam ihrem ekstatischen Höhepunkt entgegen, dem Auftritt Radschawis eben.
Friedenstauben steigen gen Himmel. Auf der Bühne bearbeiten Schlagzeuger Trommeln, Pauken, Becken und Bongos. "Bia, bia!" rufen die Musiker in die Menge, "komm, komm!" "Bia, bia!", schallt es aus Tausenden von Kehlen zurück. Die Aufforderung gilt den Mullahs, die sich von der Kampfkraft der Versammelten überzeugen sollen. Und dann kommt schließlich Radschawi, begleitet von schrillen Schreien, Triller- und Trötentönen. Sie beschwört den demokratischen Wandel im Iran, den Sturz der Faschisten im Turban, huldigt den im Kampf für die Freiheit gefallenen Märtyrern.
Amir glaubt, dass es anders nicht geht, "dass zum Widerstand gegen die Mullahs Kampf und Befehlsgehorsam gehören". "Wie sollen wir einem Regime, dessen Geheimdienst uns rund um den Globus verfolgt, denn sonst begegnen?" fragt er. "Wenn wir im Iran auch nur unsere Stimme erheben, werden wir ins Gefängnis gesteckt und umgebracht." Nicht nur das straffe Regiment des Widerstandsrats, auch der gemeinsame Feind eint die traditionell zersplitterte Opposition.
Mit leuchtenden Augen stapft Amir später dem Ausgang des Stadions entgegen. "Man hat gesehen, die einflussreichste Oppositionsgruppe im Exil ist der Nationale Widerstandsrat", sagt er. "Ohne uns geht es nicht."
